Goethes Weltklassiker " Faust " ist umfangreich, allein die Lesung der Tragödie zweiter Teil würde fünf Stunden dauern. Am vergangenen Freitagabend brachte das Nordharzer Städtebundtheater die Sprechoper " Faust Episode II " auf die Bühne – ein anderthalbstündiges modernes Spektakel aus Schauspiel und Musik, aus Bewegung und Gesang, aus Worten und Bildern.

Halberstadt. Komponist Karsten Gundermann verdichtete den Text des sprachlichen Kunstwerkes auf zehn Prozent des Originals, ohne dass Wesentliches vermisst werden könnte. Das ist eine Kunst an sich. Er machte Fausts Weltund Zeitreise frisch für das Heute, lässt das Orchester klassisch auftrumpfen, in Hip-Hop übergehen, Computersounds vom Band abspielen. Nach der Uraufführung 2007 in Dresden und einem Sozialprojekt in Bremen 2009 mit 500 mitwirkenden Schülern zeigt nun die Harzer Inszenierung von Rosemarie Vogtenhuber den modernen Faust in moderner Zeit.

Zu erleben ist eine tiefsinnige Faust-Show mit rasanten dramaturgischen Abläufen und eindringlichen Bildern. Das Publikum ist von der ersten Minute an gefordert zu denken, zu deuten, zu begreifen und einzuordnen. Die Flut von Eindrücken liefern nicht nur Kostüme und Masken, Bühnentechnik und Videosequenzen, sondern auch die unablässige Bewegung auf der Bühne, für die zehn Schauspielstudenten der Theaterakademie Vorpommern sorgen. Die jungen Leute beeindrucken mit ihrer choreografierten Körpersprache und ihrem präzisen Mimenspiel. Klar verständlich und pointiert ist ihr chorischer Sprechgesang.

Faust zweigeteilt und kein Mephisto

Stark verdichtet ist auch die Figurenkonstellation. So gibt es mit Martin Richter und Markus Manig Faust zweigeteilt. Eines Mephistos, der seinen Widerpart piesakt, braucht es nicht. Das Publikum beobachtet Faust und Faust, Kumpane im brutalen Erkenntnis- und Machtstreben, im rücksichtslosen Verlangen nach Schönem, die diskutieren und sich anfeuern.

Richter ist ein alter Zausel Faust wie aus dem Bilderbuch und hat zum Beispiel in der Szene mit zwei respektlosen, ihn drangsalierenden Schülern einen seiner wunderbaren Auftritte. Manig bleibt als sterbender Faust haften, als " armer Tor " – wohlgemerkt ist es der junge Faust, für den der Todeston erschallt. Jörg Vogel berührt als trauriger Narr (" Ich sah, dass ich nichts ändern kann. "). Das schwermütige Violinensolo, das sich mit seiner Figur verknüpft, hallt im Ohr nach. Mezzosopranistin Regina Pätzer als Helena greift vor allem mit ihrem Trauergesang um den toten Sohn ans Herz.

Das Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters unter der Leitung von Symeon Ioannidis spielt wohlgestimmt auf und stellt sich gut auf den Gesang der Protagonisten ein. Die Musiker bringen ein breitgefächertes Repertoire zu Gehör – harte Elektroklänge und Klassik, metallisches Wummern und weiche Streichermelodien.

" Faust Episode II " zeigt in beklemmenden Bildern eine demoralisierte, genusssüchtige, geldgeile und computergesteuerte Gesellschaft, führt den Wahn von Krieg und Gewalt, von falschen Schönheitsidealen und entfesselter Wissenschaft vor Augen. Hier muss Fausts Suche nach Sinn scheitern. Faust II ist und bleibt seltsam und kopflastig. Auch die Harzer Inszenierung überfordert zuweilen im Verständnis. Doch wie bemerkte Goethe selbst über sein Werk : " Die Hauptsache ist, dass es geschrieben steht. Mag nun die Welt damit gebaren, so gut sie kann, und es benutzen, so weit sie es fähig ist. "