Die Magdeburgerin Ellen Schernikau hat einen eigenwilligen Lebensweg hinter sich. Ihrem mittlerweile verstorbenen Sohn Ronald M. Schernikau hat sie 1981 von ihrem Leben in der DDR, ihrer großen Liebe, der Ausreise in den Westen und ihren Schwierigkeiten in dieser so anderen Welt erzählt. Das intensive, sehr persönliche Gespräch ist jetzt als Buch erschienen und wird vom Rotbuch-Verlag auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt.

Magdeburg. Ellen Schernikau steht die Freude ins Gesicht geschrieben. Vor ihr liegt das Buch " Irene Binz. Befragung ". Es ist das Protokoll ihres Lebens, zumindest eines wichtigen Teils davon. 1981 hat sie ihrem Sohn, wie sie sagt, ihre Geschichte geschenkt. Irene Binz ist das literarische Alter Ego von Ellen Schernikau.

Sie erinnert sich noch genau an jene Tage im Jahr 1981, damals lebte sie in Hamburg : " Wir haben ein ganzes Wochenende nur geredet, geredet, geredet. Und das Band lief. "

Sehr offen hat die Mutter dem Sohn ihr Leben ausgebreitet, hat vom Aufwachsen in der DDR gesprochen, von der Arbeit als Krankenschwester in Magdeburg, von ihren Liebeleien und ihrer großen Liebe, für die sie trotz ihrer Überzeugung zur DDR mit ihrem Sohn 1966 nach Westdeutschland geflüchtet war, von ihrer eigenen Zerrissenheit, von dem Misstrauen, das ihr, der Genossin, entgegenschlug.

" Mein Sohn hatte ja nicht vor, seiner Mutter ein Denkmal zu setzen. Er hat eine Frau gesucht, die im Leben viel erlebt hat und wie sie mit dem Erlebten zurechtgekommen ist. Deshalb hat er ja auch den Namen geändert.

Ronald M. Schernikau, der als Schriftsteller 1980 seine " Kleinstadtnovelle " veröffentlicht hatte, wollte das Gespräch als Monolog auf die Bühne bringen. Es gibt eine Bühnenfassung in schwer lesbaren Blankversen, veröffentlicht in " Legende ", jenem Werk, das Ronald M. Schernikau kurz vor seinem Tod fertiggestellt hatte. Er starb 1991 an AIDS. In diesem Jahr wäre er 50 Jahre alt geworden. Sein Lebenspartner hat ihm zu Ehren diese Irene-Binz-Befragung herausgebracht.

" Ich denke mir, er sitzt jetzt auf seiner Wolke und freut sich ", sagt Ellen Schernikau und lächelt. Dabei, so gibt sie zu, sei es ihr anfangs nicht so ganz einerlei gewesen, dieses ehrliche, intime Gespräch zwischen zwei Buchdeckeln zu wissen. Aber sie sei ja vor 30 Jahren auch mit einer Veröffentlichung einverstanden gewesen. " Das bin nun einmal ich ", sagt Ellen Schernikau. Viele andere würden dem Verstand folgen, sie aber lasse sich von ihrem Gefühl leiten. Noch vor der Wende zog es Ellen Schernikau wieder in den Osten, nach Magdeburg. Sie erlebte noch die Ausländerbehörde und ein Aufnahmelager. Auch ihr Sohn ließ sich noch 1989 in die DDR einbürgern. Da ging sie schon unter, doch Schernikau, der Ende der 80 er Jahre als Westdeutscher in Leipzig am Literaturinstitut " Johannes R. Becher " studiert hatte, glaubte an das Land. In dieser Leipziger Zeit sei ihm der Westen zunehmend auf die Nerven gegangen, hatte der Autor Matthias Frings im vergangenen Jahr in einem Interview mit der " taz " gesagt. Da hatte er gerade ein Buch über das Leben des schillernden Autors geschrieben. Der Titel : " Der letzte Kommunist ".

Ellen Schernikau geht auf Lesetour mit dem zwar von ihr erzählten, aber nicht von ihr verfassten Text. Sie stellt Passagen auf der Leipziger Buchmesse vor. " Ich habe mir gesagt, ich baue eine Distanz zu diesem Text auf. Doch das gelingt mir nicht immer. " In Leipzig liest sie als Unbekannte. Diese Anonymität werde ihr helfen, die innere Aufregung in den Griff zu kriegen. Und am 8. April, wenn sie zur offiziellen Buchpremiere im Literaturhaus Magdeburg lesen wird, in ihrer Heimat ? " Dann sieht es in mir sicher anders aus. "