Berlin. Selten waren sich Kritiker und Jury so einig wie in diesem Jahr – die Favoriten wurden am Sonnabend zu Recht mit den sieben "Bären" geehrt. Mit dem "Goldenen Bär" für den türkischen Film "Honig" würdigte die Jury unter Vorsitz von Regisseur Werner Herzog einen besonders poetischen Film, den jeder Zuschauer auch in der fremden Sprache verstanden hätte. "Honig" ist nicht nur die Geschichte eines siebenjährigen Jungen, der seinen geliebten Vater, einen Imker, verliert, sondern auch eine Parabel für den sensiblen Umgang mit der Natur. Regisseur Semih Kaplanogu machte in seinen Dankesworten darauf aufmerksam, dass die Landschaft in Ostanatolien durch den Bau von Wasserkraftwerken bedroht sei. Als der Regisseur den "Goldenen Bären" entgegennahm, erinnerte er an den echten Bären, der ihnen bei den Dreharbeiten begegnet war.

Mit einem leibhaftigen Eisbären und einer Öko-Botschaft wartete auch der russische Film "Wie ich den Sommer beendete" auf, das Duell zweier Männer auf einer Polarstation. Sowohl die beiden Schauspieler Grigori Dobrynin und Sergei Puskepalis als auch Kameramann Pavel Kostomarow wurden mit "Silbernen Bären" geehrt. Beste Schauspielerin wurde die Japanerin Shinobu Terajima für ihr eindrückliches Spiel im Film "Die Raupe": Sie spielte eine Frau, deren brutaler Gatte im Zweiten Weltkrieg als hilfloser Krüppel ohne Arme und Beine zurückkommt. Silberne Bären bekamen auch der chinesische Film "Getrennt zusammen" (Bestes Drehbuch) und der rumänische Beitrag "Wenn ich pfeifen will, dann pfeife ich" über den Ausbruch eines jungen Mannes aus dem Jugendknast.

Der beste Regisseur konnte seinen "Silbernen Bären" nicht entgegennehmen: Roman Polanski darf bekanntlich die Schweiz nicht verlassen. Sein ebenso packender wie eleganter Politthriller "Der Ghostwriter" läuft schon in den Kinos. Deutsche Filmschaffende standen als Produzenten auf der Bühne im Berlinale-Palast: Sowohl der Gewinner-Film "Honig" als auch "Der Ghostwriter" waren von Deutschland koproduziert worden – der Polanski-Thriller wurde auf Sylt, auf Usedom sowie im Studio Babelsberg gedreht.

Deutsche Regisseure und Schauspieler aber kamen diesmal, im Gegensatz zu den Vorjahren, nicht für die "Bären" in Frage. Benjamin Heisenbergs Film "Der Räuber" weckte keinerlei Emotionen für seinen Helden, einen rennenden Bankräuber, Burhan Qurbanis Debütfilm "Shahada" über junge Muslime in Berlin blieb zu sehr ein Konstrukt und Oskar Roehlers Werk über die Dreharbeiten des Nazifilms "Jud Süß" sorgte mit seinen provokanten Geschmacklosigkeiten immerhin für die heftigsten Buhs des gesamten Festivals. Für die Filmfans aus aller Welt war die 60. Berlinale dennoch ein großes Fest: Mit fast 300 000 verkauften Tickets stellten die Filmfestspiele einen neuen Rekord auf.