Premiere auf dem Alstom-Gelände (ehemals Reichsbahnausbesserungswerk) in Stendal hat am Freitagabend das Theater der Altmark gefeiert. Zwischen alten Backsteinhallen, Schrotthaufen und abgestellten Loks wurde Sophokles’ "Ajax" zu einem regelrechten Gänsehaut–erlebnis.

Stendal. Ajax – Sohn des Königs von Salamis – hat sich wacker im Trojanischen Krieg geschlagen. Tatsächlich ist er nach Achill der tapferste und furchtloseste Krieger des griechischen Heeres. Deshalb hätten die Waffen des getöteten Achills ihm zugestanden. Die großen Heerführer Menelaos und Agamemnon sprechen die ruhmvollen Waffen jedoch Odysseus zu.

Ajax beschließt in seiner gekränkten Ehre, die zwei Fürsten und Odysseus zu töten. Doch Göttin Athene verwirrt ihm die Sinne, so dass er eine Schaf- und Rinderherde angreift und niedermetzelt – im Glauben, es seien seine Feinde.

Wieder zur Besinnung gekommen, erkennt er das Ausmaß seiner Schande und begeht Selbstmord. Nicht das Flehen Tekmessas, Gefährtin und Mutter seines Sohnes, noch die Tatsache, dass er sein Heer führerlos zurücklässt, können ihn von seinem Tun abhalten.

Als sein Halbbruder Teukros die Bestattung für Ajax vorbereiten möchte, versuchen sowohl Agamemnon, als auch sein Bruder Menelaos dies zu verhindern. Zu groß ist ihr Hass auf den einstigen Waffenbruder. Einzig in Odysseus findet Teukros einen Fürsprecher. Odysseus fordert Respekt für Ajax, indem er an dessen Heldentaten erinnert. Die Bestattung wird gewährt, das Heer kehrt unter der Führung Teukros’ nach Salamis zurück.

Griechische Tragödien sind für das heutige Publikum oft schwere Kost. Kaum ein Zuschauer ist firm in der Mythologie und die vielen ähnlich klingenden Namen der Götter und Helden verwirren. Die Stendaler Inszenierung vermag es jedoch, aus diesem mehr als 2000 Jahre alten, griechischen Drama ein fesselndes, atmosphärisches Theatererlebnis zu machen.

Das liegt zum einen an der wunderbaren Kulisse. Der Einsatz einer Percussiongruppe, die auf alten Loks, Blechkanistern und Trommeln das Geschehen akustisch untermalt – mal bedrohlich, mal wild und ausgelassen – tut ihr Übriges. Dieses Trommeln lässt keinen Zuschauer unbeteiligt. Auch im 21. Jahrhundert können wir uns nicht wirklich der Wirkung dieser archaischen Klänge entziehen. Die Entscheidung des Regisseurs Dirk Löschner, den Chor auf einen Schauspieler (Andreas Schirra) zu reduzieren, trägt ebenfalls zum Erfolg dieser Inszenierung bei.

Dieser "Chor" ist nicht steif und skandierend, er zeigt Gefühle, er agiert und macht dadurch vieles verständlicher. Ganz allein steht Schirra als Chor beziehungsweise Ajax’ Heer nicht da: die Percussiongruppe gehört dazu und sämtliche Zuschauer. Sie werden von ihren Plätzen geholt und reihen sich in das salaminische Heer ein. So sind sie manchmal sehr dicht am Geschehen, – ein weiterer Grund für die Gänsehaut.

Gekränkte Heldenehre ist beinahe fühlbar

So erleben sie einen rasenden, seine Wut herausschreienden Ajax aus nächster Nähe, diese gekränkte Helden-ehre ist beinahe fühlbar. Jan Kittmann in der Rolle des Ajax überzeugt als kraftstrotzender, mutiger Kämpfer, der ob des erfahrenen Unrechts von Sinnen ist, genauso wie als der wieder zu Sinnen gekommene Verzweifelte, der merkt, dass er sich in eine ausweglose Situation gebracht hat. Von den Göttern offensichtlich verlassen, von den Griechen gehasst und verspottet, kann er nicht in sein Vaterland zurückkehren. Er hat seine Ehre vertan.

Frederike Duggen als Ajax’ Gefährtin ist eine starke Tekmessa, die die alten weiblichen Tugenden von Zurückhaltung und Schweigsamkeit im entscheidenden Moment außer Acht lässt. Eindringlich versucht sie, Ajax zur Rückkehr nach Salamis zu bewegen. Aus Liebe zu ihm, aber auch aus Besorgnis um das Schicksal ihres Sohnes – und um ihr eigenes. Starke Darsteller!

Dirk Löschner fand unter anderem an diesem griechischen Drama die Fragen "Was machen Gruppen, die plötzlich keinen Führer mehr haben?" und "Wo finde ich Sicherheit in unsicheren Zeiten?" interessant. Wohl deshalb wird das Publikum Teil eines Experiments, indem es Teil des Ajax‘schen Heeres wird. Nach einer wunderbar verbrachten Zeit am Lagerfeuer inmitten ihrer "Kameraden" stehen die Zuschauer am Ende zwischen dem toten Ajax und den strengen, unerbittlichen Feldherren Agamemnon und Menelaos. Auf der einen Seite der streitende Teukros (Kittmann in einer Doppelrolle, auch hier sehr überzeugend), auf der anderen Seite die Widersacher.

Nun heißt es ausharren, bis sich ihr "Schicksal" entscheidet. Wenn man sich darauf einlässt, den Kopf von dem einen zum anderen wendet und in sich hineinhorcht, funktioniert dieses Experiment. Aber was auch immer der Einzelne von diesem Stück mit nach Hause nimmt: Hier ist die Gelegenheit, eine lebendige und interessante Aufführung zu erleben. Zwei Stunden, die sehr kurzweilig erschienen.