Magdeburg l Wecker, der Münchner, der Poet und Lyriker, ist seit drei Wochen 70 Jahre alt. Grund für ihn, zurückzublicken auf Lieder, auf sein Leben, das in jungen Jahren schon geprägt war von Musik. Er hat eine Doppel-CD herausgegeben, sie „Poesie und Widerstand“ genannt. Aus seinem großen Werk voller Studio- und Live-Alben hat er dafür alte Songs neu eingespielt und interpretiert, und er hat auch völlig Neues geschrieben und komponiert. Damit tourt er nun durch den deutschsprachigen Raum. Am Dienstagabend will ihn sein Publikum nicht von der Seebühne im Elbauenpark lassen. Wecker geht auch erst nach mehr als drei Stunden. Bei Zugaben ist er alles andere als kleinlich.

Wecker singt und singt. Und er erzählt. Er liest Gedichte und aus seiner Biografie, nimmt seine Fans mit in sein Leben, in sein inneres Erleben. Da sind seine Eltern, vor allem sein Vater. Der einstige nicht sehr erfolgreiche Opernsänger, dem der Sohn immer dankbarer wird, weil er in ihm die Liebe zur Musik geweckt hat („Ich hörte Verdi und Puccini. Ich war eine hinreißende Traviata.“). Und natürlich auch der Haltung wegen. Der Vater hat in der Nazizeit den Wehrdienst verweigert. „Allein um dieses Erbe nicht zu verraten“, so sagt Konstantin Wecker in sein Mikro, „fühle ich mich dem Pazifismus verpflichtet.“ Mit einem Gedicht für seinen Vater („Niemals Applaus“), unterlegt mit Puccinis weltbekannter „Nessun dorma“-Melodie, schickt er sehr bewegende Liebesgrüße an sein großes Vorbild.

Auch mit 70 ein politischer Mahner

Es wären nicht Wecker‘sche Texte, wenn da nicht immer wieder der Aufschrei wäre gegen jegliche Form von Gewalt, gegen Waffen, gegen Krieg. Er sitzt am Piano und singt natürlich auch sein Lied „Der Krieg“, ein Gedicht des von Wecker hochverehrten Georg Heym, in dem der Literat schon 1911 das Grauen des Ersten Weltkriegs erahnte. Bei Wecker wird es aktuell, er hat die Zeilen vertont und weitergeführt. Zart erst die Töne, dann grollend-bedrohlich. Es ist eine Ode gegen Kriege und Gewalt. „Wie sich die Bilder gleichen“, singt Wecker leise und fragt lauter, wie „wir den Gewalten widerstehen wollen“.

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Alles ist radikal und sehr persönlich. Wecker eben. Das Private, so sagte er vor zehn Jahren in einem Volksstimme-Interview, hat für ihn immer mit Politik zu tun. Seine Einstellung hat sich nicht verändert.

Er, der mit weißen Turnschuhen und Jeans auf der Bühne steht, ist politischer Mahner geblieben – und kündigt unter Beifall an, es natürlich auch zu bleiben.

Selbst nennt er sich Anarchist, erklärt seinen Fans im Sprechtext, warum er kein Patriot ist und warum er Nationalismus ablehnt. Er liebe die Freiheit, sagt er, und dann besingt er sie, und nimmt seine Fans mit in seine Traumwelt, die ohne Grenzen ist und ohne Hass. Ja, dieser Wecker ist auch mit 70 kompromisslos, kämpferisch. Und er bleibt weiter auf der Suche nach einer besseren Welt.

Mal zwart, mal wütend

Immer wieder kokettiert er mit seinem Alter. Methusalemisch nennt er es und schmunzelt charmant in die Menge vor ihm. Er ist grauer geworden, aber nicht leiser, vielleicht etwas melancholischer ob des Alters, wenn er zum Beispiel die Liebe besingt.

Er ist mal zart, mal wütend, nicht oft laut an diesem Abend. Er lässt Geigen und Cello breiten Raum. Die Musik, gespielt von fünf Musikern, folgt ganz seinen Texten, seiner wortbezogenen Kunst, seinen lyrischen Sätzen. Schönheit der Sprache saugt man auf in heutiger Zeit.

Er wird viel beklatscht an diesem Magdeburger Abend. Man muss mit ihm keineswegs immer einer Meinung sein. Aber sein Publikum, das sich zu vorgerückter Stunde in den Armen liegt, weil Wecker zu Zärtlichkeit und Mitmenschlichkeit aufruft, trägt sicher ebenso diese Sehnsucht in sich, wie dieser Rebell sie verspürt.