Gardelegen l Eigentlich hatte er nur einen Brief abgeben wollen, doch auf so eine Art und Weise, dass dieser Versuch eines 36-Jährigen vor Gericht endete – mit einer Anklage wegen Beleidigung und Hausfriedensbruchs. Der Mann war am 29. Juli um 7 Uhr morgens über ein geöffnetes Fenster in das Büro von zwei Sachbearbeiterinnen des Gardeleger Jobcenters hineingesprungen. Zuvor hatte er die zwei Frauen beschimpft. Laut Staatsanwaltschaft soll er zu ihnen gesagt haben: „Ihr seid so Scheiße.“ Der Angeklagte präzisierte später seinen Satz: „Ihr seid so Scheiße zu mir.“

Auch am Verhandlungstag sorgte der Mann im Vorfeld für Theater. Er wollte an der Einlasskontrolle des Amtsgerichtes nicht den Inhalt seiner Taschen begutachten lassen. Erst nachdem zum Prozess aufgerufen worden war, erschien er dann doch noch im Gerichtssaal – mit kontrollierten Taschen.

Eine Woche nichts gegessen

Der Mann, der in einem Ortsteil von Kalbe wohnt, begründete sein Verhalten beim Jobcenter damit, „dass ich mich nicht angemessen behandelt gefühlt habe“. Er habe es als respektlos empfunden, dass er eine Stunde auf die Öffnung des Jobcenters hätte warten sollen, wo die zwei Frauen doch in ihren Büros saßen und ihm den Eingang des Briefes hätten quittieren können. Der Mann fügte hinzu: „Ich hatte eine Woche nichts gegessen.“

Inhalt des Briefes waren Fahrtkosten in Höhe von 60 Euro, die er vom Jobcenter wieder haben wollte. „Für meine Verhältnisse war das viel Geld. Ich hatte schon meine ganzen Vorräte aufgegessen. Ich brauchte die 60 Euro, damit ich mir Essen kaufen kann“, erzählte er. Der Mann ist Hartz-IV-Empfänger und zahlt von diesem Geld auch Schulden seines Unternehmens ab, mit dem er seit einigen Jahren nach eigenen Angaben Fahrradfedergabeln produziert. Bisher allerdings nicht erfolgreich, denn als Geschäftsführer verdient er keinen Euro. Seine Erklärung dafür: „Ich muss mich bei Google langsam auf die erste Seite kämpfen.“

Für ihn sei es an diesem Juli-Morgen eine „wahnsinnig beschissene Situation gewesen, denn ich war auf jemanden zum Mitfahren angewiesen“.

Begründung parat

Für seine Aktion, durch das Bürofenster einzudringen, hatte er folgende Begründung parat – sowie er überhaupt alles stets wortreich im Gerichtssaal erklärte: „Ich dachte, ich komme ihr entgegen und lege ihr den Brief auf die Theke.“ Er ergänzte: „Ich war selbst mal Kurierfahrer. Was meinen Sie, was man da für akrobatische Aktionen macht, um Kunden was zuzustellen.“

Weniger schön war das Erlebnis dieses Sommermorgens für die zwei Jobcenter-Mitarbeiterinnen. „Ich sitze jetzt seit zwölf Jahren im Eingangsbereich, aber das ist mir noch nicht passiert. Ich habe da ganz schön dran zu knabbern“, schilderte die junge Frau (36).

Nicht verstanden

Für sie sei die Situation eigentlich schon erledigt gewesen, als er plötzlich durch das Fenster sprang. „Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet“, so die Zeugin. Sie ihre und ihre Kollegin hätten dem 36-Jährigen zuvor erklärt, dass das Jobcenter noch geschlossen sei, er sein Schreiben aber in den Briefkasten vor dem Jobcenter legen könne. Doch der Mann wollte unbedingt die Eingangsbestätigung. „Wir haben ihm gesagt, dass wir das jetzt nicht machen“, so die Jobcenter-Mitarbeiterin, „aber er hat das nicht verstanden.“

Zu den beleidigenden Worten des Mannes sagte sie: „Das sagt jeder Zweite.“ Er hätte auch noch gesagt, dass sie dort sitzen und nicht arbeiten würden. Das Bürofenster hatten die Frauen an diesem Morgen geöffnet, weil es in den Räumlichkeiten so warm war.

Ins Büro gekommen

Als der 36-Jährige, der nach eigener Aussage Abitur und ein paar Semester Maschinenbau studiert hat, dann plötzlich in ihrem Büro stand, „war ich so erschrocken“. Sie hätte ihm dann laut gesagt, dass er verschwinden solle. „Wir standen da allein und fanden das nicht lustig.“ Als sie drohte, die Polizei zu rufen, „fand er das gut, denn so hätte er dann auch Zeugen, dass er den Brief abgegeben habe“, schilderte die Frau das Verhalten des Mannes. Der Hausleiter habe dann die laute Unterhaltung gehört und sei ins Büro gekommen. Erst dann verließ der Angeklagte das Büro wieder, so wie er gekommen war – durchs Fenster.

Den von Richter Axel Bormann schon geebneten Weg einer Entschuldigung („Wie wäre es mit einem: Es tut mir leid, ich mache das nicht wieder“) beschritt der Angeklagte nur mit Ausreden und fast frechen Bemerkungen.

Er hätte mit der Beschimpfung „nicht Sie persönlich gemeint, sondern Ihre Behörde“, sagte er zur Zeugin. Und mit dem Satz durchs Fenster „wollte ich Ihnen den Weg ersparen, ich konnte ja verstehen, dass Sie keine Lust hatten, nach vorn zu kommen“. Der Richter fragte irritiert nach: „Wollten Sie sich nicht entschuldigen?“ Doch dabei blieb es am Ende, und das Verfahren wegen Beleidigung und Hausfriedensbruch wurde vorläufig eingestellt.

Mit seiner letzten Frage überraschte der Mann, der keine Vorstrafen aufwies, noch einmal alle Prozessbeteiligten: „Ich nehme an, dass ich die Fahrtkosten nicht erstattet bekomme?“ Er war übrigens mit dem Fahrrad gekommen.