Klietz l Den Klietzer Günter Bähne dürften gleich mehrere Gründe bewegt haben, der Kirche eine Tafel zu stiften, auf welcher der Opfer des letzten Weltkrieges aus Klietz  gedacht wird. Immerhin 52 Namen hatte Ingrid Eichmann in seinem Auftrag dazu bei ihren Recherchen in den Kirchenarchiven und auf dem Soldatenfriedhof zusammengetragen: Klietzer, die auf dem Schlachtfeld gefallen waren, in der Gefangenschaft oder an ihren Verwundungen starben oder aber im Ort erschossen wurden.

Zu Letzteren gehörten die Rentner August Blaffert und Hermann Treskau sowie der Frisörmeister Fritz Müller, welche am 6. Mai 1945 von Rotarmisten standrechtlich erschossen wurden. Damit wurde Vergeltung geübt für den Abschuss eines Panzers durch einen deutschen Soldaten in Klietz, durch den die drei Insassen starben. Die Gedenkfeier für die drei Klietzer konnte erst am 16. Juni 1945 stattfinden, denn die Besatzer hatten diese drei Male immer kurz vorher verboten. Das Panzerwrack stand noch lange in Klietz, als Kind hatte sie oft darin gespielt, erinnerte sich Ingrid Eichmann.

Auf der großen hölzernen Tafel im Kirchenschiff findet sich auch der Name von Otto Bähne, welcher einen Tag nach seinem 41. Geburtstag am 7. Dezember 1945 in russischer Gefangenschaft verstarb. Er war der Vater von Günter Bähne gewesen, der zu Kriegsende sieben Jahr alt war. Dem Klietzer Senioren sind die schlimmen Ereignisse noch immer allgegenwärtig, welche sich in seinem Heimatort vor genau 73 Jahren abgespielt hatten.

Beobachter auf Kirchturm

Auf Bähnes Hof hatten zu Kriegsende viele deutsche Soldaten kampiert, der Keller des großen Hauses war Luftschutzraum. Im Turm der gegenüberliegenden Kirche saß ein Beobachter. Die Amerikaner lagen bereits am anderen Elbufer.

Als die Russen im Anmarsch waren, floh seine Mutter mit ihm zuerst über Mahlitz nach Ferchels, weil auch hier gekämpft wurde, ging es wieder zurück. Doch war nun auch Klietz umkämpft, so dass beide zur Elbe in die Kuhställe flüchteten – und von hier aus hilflos mit ansehen mussten, wie der Kirchturm zerschossen wurde und Häuser brannten. Vom Deich aus schossen russische Panzer auf die am Elbufer zu Hauf lagernden Flüchtlinge. Die Bähnes flüchteten durch die Front mit vielen anderen gen Norden, oft unter Beschuss. Die Flucht endete in Schönfeld, wo Verwandtschaft die beiden aufnahm.

Klietz wurde am 20. April stark bombardiert

Der damalige Pfarrer Heinrich Peper hatte in seiner Chronik ebenfalls über das Kriegsende berichtet. Demnach war Klietz am 20. April 1945 stark bombardiert worden, wobei zahlreiche Wohnhäuser, Ställe und Scheunen zerstört wurden. In der Chronik ist zu lesen: „Otto Alex kam mir als erster vom Dorf entgegen und rief: ,Herrr Pastor, die Kirche, die Kirche! Die kriegen wir nie wieder aufgebaut!‘ Sie bot wirklich einen trostlosen Anblick. Eine schwere Bombe hatte den Chorraum getroffen, bis auf den Rest der Südmauer zerstört und gleichzeitig das Dach des Schiffes abgedeckt. ...

Um die späteren Schäden an unserer einst so schönen Kirche vorwegzunehmen, will ich hier anfügen, dass sie noch durch den Beschuss von jenseits der Elbe am Portal und am Turm viele schwere Treffer bekam...

Als die Russen von Ost und Nord immer näher heranrückten, wurde unser Dorf noch drei Tage verteidigt. In diesem Kampf war oft die Kirche mit ihrem Turm Zielpunkt der Artillerie. Die Nordost-Ecke wurde bis zum Glockenboden herausgeschossen. Zuletzt stürzte krachend die schlanke Turmspitze herunter. Als dann am 8. Mai die Russen einrückten, ... wurde von ihnen das noch intakte Gestühl herausgerissen und fand Verwendung für die Waldlager zur Unterbringung der Truppen.“

Klietz war in den letzten drei Kriegstagen heiß umkämpft gewesen, die Wehrmacht wollte den Brückenkopf bei Tangermünde möglichst lange halten. Denn über die stark zerstörte Elbbrücke dort flüchteten viele Deutsche auf die andere Elbseite zu den Amerikanern.

Die Division „Theodor Körner“ der Wenck-Armee, welche Klietz verteidigte, bestand aus den jüngsten und ältesten Soldaten des Krieges, es waren Hitlerjungen und Mitglieder des Reicharbeitsdienstes. Viele ließen sinnlos kurz vor Kriegsende ihr Leben – sie fanden ihre letzte Ruhe auf dem „Heldenfriedhof“, wie die Kriegsgräberstätte im Wald an der Forststraße im Dorf immer noch genannt wird. Nicht alle konnten identifiziert werden.

Mahnung an die Lebenden: Nie wieder Krieg!

Mit der Erinnerung an die Gefallenen aus Klietz möchte Günter Bähne nicht nur die Erinnerung an die Toten wachhalten. Er versteht die Tafel auch als Mahnung an die Lebenden, nie wieder einen Krieg zuzulassen. Der Ort, der ohne die Werksarbeiter einst um die 650 Einwohner besessen hatte, hatte im 2. Weltkrieg einen hohen Blutzoll entrichten müssen – mit den Vermissten eingerechnet starb fast jeder zehnte Klietzer. Auch Ingrid Eichmanns Bruder blieb bis heute verschollen.

Der jüngste auf der Tafel ist übrigens Kurt Domröse, er wurde nur 18 Jahre alt. Etliche andere Opfer sind mit 19 oder 20 Jahren gefallen, sie hatten also noch nicht einmal eine Familie gründen können.

Am Sonntag, 7. Mai, wird die von Günter Bähne gestiftete Gedenktafel in der Kirche eingeweiht. Der Taufgottesdienst beginnt um 10 Uhr. Am Sonnabend, 13. Mai, findet ab 8.30 Uhr an der Kirche zudem ein Arbeitseinsatz statt.