Tangerhütte l „An dem Tag, an dem Andreas Brohm der Telekom verbietet, in seiner Gemeinde Internetkabel zu verlegen, ruft er auch bei seiner Haftpflichtversicherung an. Er fragt: ,Ist das denn gedeckt, was ich hier mache?‘ Brohm, Bürgermeister der Gemeinde Tangerhütte mit 10.000 Einwohnern und sechs Millionen Euro Schulden, legt sich gerade nicht nur mit der Telekom an, einem Unternehmen mit 220.000 Mitarbeitern und 73 Milliarden Euro Jahresumsatz. Er weiß auch, dass er wahrscheinlich nicht im Recht ist, dass er den Kampf schon gar nicht wird durchhalten können und dass die Telekom seine Gemeinde, vielleicht sogar ihn, auf hohe Summen Schadenersatz verklagen könnte.“

So beginnt Denise Peikert aus Leipzig ihren eineinhalb Seiten langen Artikel für die deutschlandweit erscheinenden Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS). Unter der Überschrift „Wo Brohm sich täglich Beulen holt“ berichtete sie am 11. Februar über den einstigen Musical-Manager, der bereits als Schüler auf der Kabarett-Bühne stand und nun als Bürgermeister für seine Heimatgemeinde Visionen entwickelt.

Die Autorin sah sich in der Gegend um, besuchte im November eine Stadtratssitzung und war im August bei der Stahlknecht-Visite in Bittkau dabei. Realistisch beschreibt sie die Einheitsgemeinde Tangerhütte, viele kleine Orte, „die auf Satellitenbildern so aussehen, als hätte ein Riese sie wahllos zwischen die Felder gewürfelt“, deren Probleme, wie die Zwangs­ehe nach der Gebietsreform, oder aber die Auseinandersetzungen im Stadtrat. Sie erwähnt aber auch positive Seiten wie die Aktion „Dachschaden“. Bürger engagieren sich, damit das Neue Schloss ein neues Dach bekommt. Aufgezogen ist die Geschichte um einen Bürgermeister „in der deutschen Provinz.“

Mit den Forderungen gerechnet

„Der Baustopp war lokalpolitischer Trumpismus“, zitiert die Journalistin ihren Titelhelden. Brohm, für seine verbalen Bilder bekannt, hatte damit und mit seiner Befürchtung nicht unrecht. Georg von Wagner, Pressesprecher der Telekom, bestätigte der Volksstimme, dass sein Unternehmen nach dem durch die Kommune verhängten Baustopp gegenüber Tangerhütte eine Schadenersatzforderung geltend macht. Verlangt wird das Geld für den Zeitraum der Arbeitsunterbrechung im September 2017. Ansonsten hielt sich von Wagner bedeckt, wollte auch keine konkreten Zahlen nennen.

Nach Informationen der Volksstimme handelt es sich um eine Summe von unter 10.000 Euro. Mit Blick auf das „offene Verfahren“ zeigt sich auch der sonst redegewandte Tangerhütter Bürgermeister wortkarg. Allerdings habe er damit gerechnet, sei er von der Forderung des Kommunikationsunternehmens nicht überrascht und: „Wir haben unsere Rechsauffassung dazu der Telekom mitgeteilt.“ Ob die Einheitsgemeinde zahlt oder nicht, dazu äußerte sich Brohm nicht direkt. Nur so viel: Er sehe den Vorgang „gelassen“ und glaube nicht, dass es zwischen Tangerhütte und der Telekom zu einer juristischen Auseinandersetzung kommen werde.

Der Streit zwischen beiden Parteien begann im Januar des Vorjahres. Nachdem die Telekom jahrelang aus wirtschaftlichen Gründen den ländlichen Raum links liegen ließ, von einer Erschließung in Sachen schnelles Internet absah, wollte sie nun auf einmal doch buddeln. Augenscheinlich reagierte das Unternehmen damit auf die Pläne des Zweckverbandes Breitband Altmark. Dieser will in der Region das zukunftsfähige Glasfaserkabel verlegen, die Telekom will dagegen ihre alten Kupferleitungen durch das sogenannte Vectoring aufrüsten. Brohm, bekennender Befürworter der Glasfasertechnologie, will aber mehr für die Region. Er sah die Felle des Zweckverbandes wegschwimmen. Der Bauantrag der Telekom wurde in der Verwaltung nicht bearbeitet. Nachdem die gesetzliche Frist verstrichen war, begann das Unternehmen doch zu buddeln. Brohm ließ daraufhin im September in 21 Ortschaften einen Baustopp verhängen. Von Wagner bezeichnete dies damals als widerrechtliche und einzigartige Aktion, die die Telekom so noch nicht erlebt habe. Am 12. Oktober wurde der Baustopp aufgehoben.