Klietz l Rustikal ist die gute Stube der Bauingenieurin Jördis Wellmann eingerichtet, die in der Klietzer Seesiedlung wohnt. Ein großer Lehmofen strahlt wohlige Wärme aus. Man läuft auf Dielen, und die Terrassentür gewährt einen Ausblick in den Garten.

Seit gut acht Wochen teilt die Familie ihre Wohnung mit zwei afghanischen Flüchtlingen: Khaled und Kamalden sind beide 19 Jahre alt und sollen abgeschoben werden. Das möchte ihre Gastgeberin verhindern und erteilt ihnen darum täglich Deutschunterricht. Die Beherrschung der Sprache ist Voraussetzung für die Aufnahme einer Lehre.

„Die beiden Afghanen werden in ihrer Heimat von den Taliban verfolgt, denn die Bewohner ihres Dorfes hatten zuvor in einem nahe gelegenen US-Militärcamp gearbeitet oder dieses versorgt“, begründet die Klietzerin ihr „privates Asyl“. Seitdem sich die Amerikaner aus den Bergen in eine schützende Stadt zurückgezogen hatten, wird das Dorf attackiert: Ein Bruder von Khaled ist bereits gefallen, ein weiterer und die Mutter wurden schwer verletzt. Der Afghane selbst konnte nur mit Mühe seinen Häschern entkommen, sie waren schon an der Tür. Drei Monate waren die beiden Männer auf der Flucht, hatten mehrere Schuhe verschlissen.

Die beiden gehören zur Minderheit der Pashey, diese Sprache wird nur von etwa 20 000 Afghanen gesprochen – eine von 49 Sprachen im Land. Persisch verstehen sie nur wenige Brocken, weshalb sie den deutschenBehörden kaum Auskunft geben konnten. Und darum auf der Abschiebeliste landeten.

„Weil sie abgeschoben werden sollen, haben sie kein Anrecht auf einen Deutsch-Kurs“, berichtet Jördis Wellmann. So besorgte sie auf eigene Faust Unterrichtsmaterialien von der Stendaler Sprachschule. Jeden Vormittag erteilt sie nun zwei Unterrichtsstunden Deutsch, denn im Winter ist im Baugewerbe weniger zu tun. Gegen die Abschiebung wurde Widerspruch eingelegt.

Wie ihre Verbindung zu den Asylbewerbern zustande kam? Die zentral in der Verbandsgemeinde Elbe-Havel-Land gelegene Seegemeinde Klietz war im Herbst 2015 auf einen Schlag um über 700 Einwohner größer geworden: Große Teile der Kaserne am See waren in Windeseile zum Erstaufnahmelager für Flüchtlinge umfunktioniert worden. In der Winterkirche richteten Helfer daraufhin ein „Begegnungs- café“ ein, vor der Eröffnung wurden alle Vereinsvorsitzenden eingeladen. Jördis Wellmann leitet den „neugierig“-Verein, der in Kamern eine Privatschule eröffnen will. Sie arbeitet seit Anbeginn im Café mit. Mit den beiden Afghanen verstand sie sich gut – obwohl man sich anfangs nicht verständigen konnte.

„Hier in Klietz ist ein richtig gutes Netzwerk entstanden“, erklärt sie. Hilfe erfuhr sie von der Caritas und dem Ausländerbeauftragten des Kreises. Andere Erfahrungen sammelte sie bei der Ausländerbehörde, „dort wird man behandelt, als ob man was verbrochen hat“. Die Behördengänge nehmen allerhand Zeit in Anspruch.

Die beiden Afghanen haben vor kurzem ein mehrwöchiges Praktikum in einem Stendaler Autohaus absolviert. Sie waren sehr fleißig und würden dort auch gern in die Lehre gehen. „Leute, die hier arbeiten und sich integrieren wollen, müssten bleiben können“, meint Jördis Wellmann.

Wie es derzeit läuft, könne die Integration nicht klappen. Gegenüber steht ein fast leerer Neubaublock. „Auf dem Land würde die Integration sicher besser gelingen als in den Großstädten mit ihren Ghettos“, ist sie überzeugt.