Wernigerode l Im Wildpark Christianental in Wernigerode sind unzählige Tiere zu Hause – Schildkröten gehören jedoch nicht dazu. Eigentlich. Denn ein ebensolches Panzertier ist dort am Sonntag abgegeben worden: der Panzer weich, von Blättern und Erde übersät.

„Eine Frau hat im Wald nahe Drei Annen Hohne Pilze gesammelt und dabei die Schildkröte gefunden und zu uns gebracht“, berichtet Chef-Tierpfleger Frank Lüdecke. Allerdings: Am Wochenende sind die Mitarbeiter des Wildparks nicht vor Ort. Also setzte die Frau das Tier in eine Kiste, wo es eine Besucherin, Nicole Froemberg, entdeckte – und in Absprache mit dem Tierpfleger Sven Meichau schließlich an sich nahm.

Tier in schlechtem Zustand

„Wir haben selbst zwei Bartagmen und deshalb vieles zu Hause, was für die Pflege benötigt wird“, berichtet Nicole Froemberg. So brauchen die Echsen künstliche Wärme von einer Rotlichtlampe – die auch der Schildkröte nach ihrem Ausflug in den Wald hilft. „Sie war in keinem guten Zustand“, sagt die Wernigeröderin. Deshalb hat die unverhoffte „Pflegemutter“ mit ihrem Neuzugang die Tierärztin Franziska Ujvari aufgesucht.

Diese bestätigt, dass das Herbstwetter dem Tier nicht gutgetan hat. „Es ist einfach zu kalt für sie, und vermutlich hat sie das Falsche gefressen“, sagt die Ärztin. Zudem hat das Tier eine Sepsis, Schmerzen und muss mit Antibiotika behandelt werden. Immerhin fresse das Tier recht gut und sei auf dem Weg der Besserung. Winterschlaf, den das Tier eigentlich halten sollte, würde der Heilung schaden, informiert Franziska Ujvari.

Schildkröte ist nicht gechipt

Bei dem Exoten handelt es sich nach Ansicht der Ärztin um einen Hybriden, eine Kreuzung zwischen Maurischer und Griechischer Landschildkröte. „Sie ist leicht verwachsen, nicht gechipt und vermutlich weiblich“, so Franziska Ujvari. Das Tier wiegt etwa ein Kilogramm und hat eine Panzerlänge von 20 Zentimetern. Das Alter schätzt die Veterinärin auf 10 bis 30 Jahre. „Das lässt sich bei Schildkröten schwer eingrenzen.“

Ungewiss sei auch, wie lange das Tier im Wald war und wo es herstammt. Möglich ist, dass die Besitzer ihre Schildkröte gar nicht vermissen, da sie davon ausgehen, dass sie Winterschlaf hält – stattdessen aber ausgebüxt ist. Über den Facebook-Auftritt des Wildparks wird derzeit online versucht, die Herkunft des Tieres zu ermitteln. „Wenn sich der Besitzer nicht meldet, geben wir die Schildkröte an einem Züchter ab, der ihr eine artgerechte Umgebung bieten kann“, kündigt Nicole Froemberg an.

Angst vor Ansteckung

Nicht selten erleben die Mitarbeiter der Wernigeröder Wildparks, dass Tiere den Besitzern lästig werden, berichtet Frank Lüdecke. So werden auf dem Gelände im Christianental Hamster und Meerschweinchen ausgesetzt. „Oder die Leute meinen es gut und bringen verletzte Tiere, die sie finden, zu uns“, so der Pfleger. Besser sei es, die Tiere liegen zu lassen und ein Tierheim oder den Wildpark zu kontaktieren. „Wir kümmern uns um alles weitere.“ Lüddecke und sein Team fürchten um die Gesundheit der Wildpark-Bewohner. Sie könnten sich bei den Fundtieren anstecken, wenn diese krank seien. „Zudem haben wir nicht die nötige Ausstattung, um Exoten zu versorgen. Auch, wenn diese immer häufiger ausgesetzt werden.“