Berlin (dpa) l Nach 35 Jahren im Bundestag bekommt der Abgeordnete Jakob Maria Mierscheid endlich auch einen Platz im "Kürschner", dem Bundestagshandbuch. Der 80-Jährige aus dem Hunsrück wird zwar nicht bei den 631 Abgeordneten aufgeführt. Wohl aber auf Seite 43 in einem Beitrag zur Dauerausstellung des Bundestags.

Dort wird er als "fiktiver deutscher Politiker" vorgestellt, der für die SPD angeblich seit 1979 im Bundestag sitze. Gesehen hat ihn noch keiner. Laut Foto trägt der Phantomabgeordnete eine Brille und einen hochgezwirbelten Bart. Seit einiger Zeit ist er auch bei Twitter aktiv, im Januar ließ er angesichts des Wetters wissen: "Deutschland ist wieder geteilt. In eine warme und eine kalte Hälfte." Zum 80. Geburtstag gratulierte Bundestagspräsident Norbert Lammert in einer Sitzung, nur Mierscheid war natürlich nicht da.

Erstmals auf den Plan getreten ist er am 12. Dezember 1979 um 22.35 Uhr. Im Restaurant des Bonner Bundeshauses saß damals eine Runde um die SPD-Abgeordneten Peter Würtz und Karl Hähser zusammen. Man beschloss, einen Nachrücker für den gestorbenen Schöngeist Carlo Schmid in die Welt zu setzen. Auf der Rückseite einer Speisekarte entstand die Biografie: katholisch, Beruf Schneider, vier Kinder, wohnhaft in Morbach/Hunsrück.

Mierscheid hat Wegweisendes entwickelt, etwa das "Mierscheid-Gesetz" über den Zusammenhang der SPD-Bundestagswahlergebnisse und der westdeutschen Rohstahlproduktion. "Ich bin weder eine Erfindung noch ein Patent, ich bin die Lösung", ließ er einst wissen.