Berlin - Krankenkassen und Ärzte haben Zehntausenden Patienten laut Beratern in den vergangenen zwölf Monaten ungerechtfertigt Krankengeld, Therapien oder Informationen vorenthalten.

Das ergab die Auswertung von 80 000 Beratungsgesprächen der im gesetzlichen Auftrag agierenden Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD). In gut 15 600 Gesprächen stellten die Berater Probleme fest, die zulasten der Patienten gingen, wie aus dem am Dienstag in Berlin veröffentlichten UPD-Jahresbericht hervorgeht. Der Patientenbeauftragte Karl-Josef Laumann (CDU) forderte die Krankenkassen auf, sich an die Gesetze zu halten.

Mehr als 5400 Mal wurden Versicherte laut UPD falsch oder unvollständig beraten oder informiert. 4100 Mal kamen sie nicht, nicht mehr oder nicht leicht an Versorgung und Geld - allein 1380 Patienten verweigerten Krankenkassen laut den Beratern unberechtigt Leistungen. Qualitätsprobleme beim Arzt, in der Klinik oder anderen Gesundheitsbereichen dokumentierten die Berater in mehr als 3400 Fällen. Bei mehr als jedem dritten von 7100 Beratungsgesprächen wegen des Verdachts auf Behandlungsfehler stimmten die Berater den Patienten zumindest teilweise zu.

Wie im Jahr zuvor waren die Berater oft damit beschäftigt, dass Kassen ihren Versicherten trotz Krankschreibung Krankengeld verweigerten oder sie wieder zum Arbeiten drängten. In knapp 1400 Fällen machten die Berater hier tatsächliche Probleme ausfindig und meinten, den Versicherten geschehe Unrecht. UPD-Beraterin Judith Storf sagte, typisch sei, dass Sachbearbeiter der Kassen bei Patienten anriefen. "Reißen Sie sich doch mal zusammen, dann wird das schon wieder", bekämen krankgeschriebene Patienten etwa zu hören. Oft seien psychisch Kranke betroffen.

Laumann kritisierte: "Das ist durch nichts zu rechtfertigen." Solches Verhalten von Kassenmitarbeitern sei inakzeptabel. "Der Spitzenverband der Krankenkassen muss dafür sorgen, dass die Krankenkassen sich an Recht zu Gesetz halten." Insgesamt wolle er die deutlich gewordenen Probleme mit den Verantwortlichen besprechen, Zeitpläne zum Eindämmen der Schwierigkeiten einfordern und in einem halben Jahr die Öffentlichkeit über Fortschritte informieren.

Sehr geschockt habe ihn, dass es Arztpraxen geben soll, die Patienten nur in ihr Wartezimmer ließen, wenn sie vorher in eine Selbstzahlerleistung eingewilligt haben, sagte Laumann. Bei solchen Leistungen, die mangels klarem Nutzen-Beweis nicht von der Kasse bezahlt werden, komme es häufig vor, dass Ärzte Patienten ohne ausreichende Aufklärung zur Zustimmung drängen, sagte UPD-Geschäftsführer Sebastian Schmidt-Kaehler. Besonders häufig beschwerten sich Patienten über Augenärzte und Orthopäden.

Insgesamt äußerten Patienten in 13 200 Fällen eine Beschwerde. Selbstständige mit geringem Einkommen täten sich oft schwer, Kassenbeiträge zu zahlen. In gut 3200 Beratungen ging es um Reha - in jedem sechsten Fall sahen die Berater hier Probleme.

Die Angebote von Versicherungen, Ärzten, Kliniken und anderen Einrichtungen würden immer komplizierter, so Schmidt-Kaehler. "Patienten fühlen sich oft alleingelassen, betrogen und viele haben Angst." Die Zahl der Ansprüche gegen Kassen stieg auf fast 28 000.

Der Kassen-Spitzenverband betonte, in den allermeisten Fällen verhielten sich die Kassen beim Krankengeld korrekt. Pro Jahr gebe es 1,77 Millionen Krankengeldfälle - Kostenpunkt: 9,8 Milliarden Euro 2013. Schwächen sollten behoben werden. Grünen-Gesundheitsexpertin Maria Klein-Schmeink sagte: "Es ist nicht hinnehmbar, wenn Krankenkassen zur Vermeidung von Zusatzbeiträgen versuchen, zu Lasten ihrer Versicherten zu sparen." Die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher, forderte, dass Patienten in Zweifelsfällen künftig neutral begutachtet werden müssten. Linken-Expertin Kathrin Vogler sagte: "Das Patientenrechtegesetz reicht hinten und vorne nicht und hat seinen Namen kaum verdient."