Solidarnosc-Zentrum

Die Lenin-Werft in Danzig wurde im August 1980 weltweit berühmt. Die Arbeiter erstreikten sich damals die erste unabhängige Gewerkschaft "Solidarnosc" (Solidarität) im Ostblock.

Ende dieses Monats eröffnet nahe des Werftgeländes das Europäische Solidarnosc-Zentrum. Es beherbergt eine Dauerausstellung über die Geschichte der Gewerkschaft und soll sich durch Diskussionen, Theater und Filme zu einem grenzüberschreitenden Forum entwickeln.

Cornelia Pieper packt die Koffer. Das ist die Ex-Staatsministerin im Auswärtigen Amt zwar gewohnt. Doch diesmal muss mehr Gepäck mit. Die Hallenserin bricht Ende der Woche nach Danzig (Gdansk) auf, wo sie Generalkonsulin wird. Ade Sachsen-Anhalt also - und ade FDP-Vorsitz.

Die schwierige deutsch-polnische Geschichte beschert Cornelia Pieper in Danzig gleich einen hochkarätigen Termin. Am 1. September wird des Weltkriegsbeginns vor 75 Jahren gedacht. Die sechs finsteren Jahre nahmen mit dem deutschen Beschuss der Danziger Westerplatte ihren Anfang. Bundespräsident Joachim Gauck reist zum Gedenken gemeinsam mit seinem polnischen Kollegen Bronislaw Komorowski an. "Es geht gleich in die Vollen", freut sich Pieper beim Cappuccino in Halles Kleiner Ulrichstraße, einem der Lieblingsplätze der 55-Jährigen in ihrer Heimatstadt.

Anfang Oktober wird erstmals in Danzig und nicht in Warschau auch der deutsche Nationalfeiertag in Polen gefeiert. Die Neu-Konsulin wünscht sich, dass Bundestagspräsident Norbert Lammert, der Ende September nach Danzig kommt, dabei die Festrede hält.

Aktionsradius von Usedom bis zur russischen Grenze

So staatstragend wird das Wirken der Hallenserin in der polnischen Ostseemetropole nicht bleiben. Der Alltag von Frau Konsul besteht in der Kontaktpflege im Gastland und der Interessenvertretung der eigenen Landsleute. Bei Piepers Verantwortungsbereich, der den Norden Polens von Usedom bis zur russischen Grenze umfasst, kommen als Besonderheit die Angelegenheiten der deutschsprachigen Minderheit um Oppeln, zu der etwa 20000 Menschen zählen, hinzu. Zwei Kollegen hat Pieper noch im Lande: Deutsche Generalkonsulate gibt es auch in Breslau und in Krakau. Hinzu kommt die Botschaft in Warschau.

Für die studierte Polonistin und Dolmetscherin schließt sich der Kreis: Zwei Jahre studierte sie von 1980 an in Polen, nun kehrt sie nach 25 Jahren aktiver Politik für die FDP in Sachsen-Anhalt und im Bundesmaßstab in das Nachbarland zurück.

Als Studentin bekam sie Anfang der 1980er Jahre den Anfang vom Ende des Sozialismus in Polen hautnah mit. In Danzig war gerade die Gewerkschaft "Solidarnosc" gegründet worden, auch an der Warschauer Universität flammten Streiks auf. "Ich habe selbst mitgemacht und einen Hauch von Freiheit erlebt."

DDR-Botschaft hatte im Chaos keinen Durchblick

Eine streikende DDR-Studentin in Polen - warum wurde sie nicht nach Hause geschickt? "Ach, die DDR-Botschaft hatte damals keinen Durchblick mehr," erinnert sich Pieper, "es herrschte ein ziemliches Chaos."

Beim kulturellen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Austausch, den die neue Konsulin von Danzig aus vorantreiben will, sieht sie eine gute Basis gelegt. "Beide Länder begegnen sich heute auf Augenhöhe. Es geht nicht mehr nur um Versöhnung, sondern den Blick in die Zukunft Europas."

Die frühere Koordinatorin für die deutsch-polnischen Beziehungen verweist auf die gewaltigen Straßenbau-Projekte in Polen, die Einrichtung von Polonistik-Lehrstühlen in Deutschland oder das trilaterale Projekt des kleinen Grenzverkehrs mit der russischen Exklave Kaliningrad.

Die Ukraine-Krise vergiftet aktuell die polnisch-russischen Beziehungen. Pieper hat Verständnis für die Sorgen der Nachbarn, die in ihrer Geschichte lange Zeit unter deutscher, österreichischer und eben russischer Fremdherrschaft gelitten haben: "Die Ängste in der polnischen Seele sitzen tief."

In Sachsen-Anhalt sieht Pieper ihren liberalen Partei-Acker bestellt: Das beschlossene Mitgliedervotum für ihre Nachfolge erspart der gebeutelten FDP ein Hauen und Stechen um den Landesvorsitz. Das Schicksal der Liberalen wird Pieper weiter verfolgen und auch ansonsten der Heimat eng verbunden bleiben: Jörg Hacker, Präsident der Wissenschaftsakademie Leopoldina in Halle, hat seinen Besuch schon avisiert.