Berlin - CSU-Chef Horst Seehofer bleibt im Streit um neue Stromtrassen hart und warnt vor einer Kostenexplosion. Wenn auf Druck besorgter Bürger neue Leitungen in großem Umfang unter die Erde gelegt werden müssten, drohten Belastungen von weit über 20 Milliarden Euro für die Stromkunden.

Der bayerische Ministerpräsident mahnte eine "saubere Systemanalyse" für die Netze an, "damit uns da nicht die Kosten über den Kopf wachsen".

Die vier für den Ausbau zuständigen Netzbetreiber Tennet, Amprion, 50Hertz und TransnetBW halten in ihren neuen Plänen jedoch an den von Seehofer kritisierten Trassen - trotz einiger Korrekturen - fest.

Angesichts des erbitterten Streits um die Stromautobahnen mahnte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) einen raschen Ausbau an. Er beklagte sich über "irre Zustände" bei der Energiewende, weil der im Norden im Überfluss produzierte Windstrom wegen fehlender Leitungen nicht in den Süden mit seinem hohen Energiebedarf komme - so dass dort teilweise Strom aus dem Ausland eingekauft werden müsse.

Beim Stromnetzausbau soll es trotz der Proteste in Bayern bei drei großen Trassen in den Süden bleiben, allerdings sind insgesamt sieben größere Korrekturen geplant. So soll die von Seehofer scharf kritisierte Ost-Süd-Trasse um 110 Kilometer Richtung Norden verlängert werden und bei Magdeburg beginnen, um mehr Windstrom nach Bayern transportieren zu können.

Mit der Verlagerung des Startpunktes scheinen die Netzbetreiber Protesten Rechnung zu tragen, dass vor allem Braunkohlestrom über die Trasse nach Bayern gelangen könnte - bisher sollte sie in Bad Lauchstädt nahe eines Braunkohlereviers starten. In Bayern soll die Ost-Süd-Trasse zudem nicht mehr in Meitingen bei Augsburg, sondern 30 Kilometer weiter westlich beim AKW Gundremmingen in Schwaben enden.

Seehofer, der 2013 im Bundesrat dieser Trasse und weiteren 35 Projekten zugestimmt hatte, leuchtet das nicht ein. Er schlug vor, von dem bis nach Baden-Württemberg verlaufenden SuedLink einen Abzweig nach Gundremmingen zu machen, statt eine weitere Höchstspannungstrasse durch Ostbayern zu verlegen.

In den nächsten zehn Jahren sollen insgesamt 2800 Kilometer an neuen Höchstspannungsleitungen gebaut werden, die meisten als Gleichstromtrassen mit einer Transportkapazität von sechs Gigawatt. 2900 Kilometer im bestehenden Netz sollen optimiert werden. An Kosten werden mindestens 22 Milliarden Euro veranschlagt - ohne Erdkabel. Die Bundesnetzagentur muss die Vorschläge nun prüfen und genehmigen. Später werden Regierung, Bundestag und Bundesrat darüber beraten.

Mit dem Ausbau soll vor allem mehr Windstrom aus dem Norden und Osten in den Süden kommen. Die geplante "Hauptschlagader" der Energiewende, der in Schleswig-Holstein beginnende 800 Kilometer lange SuedLink, soll beim Abzweig nach Baden-Württemberg nun bei Wendlingen enden, um näher an die Industrieregion Stuttgart heranzurücken. Dafür soll eine von Bünzwangen nach Goldshöfe geplante Wechselstromtrasse entfallen.

Zum Abtransport von Windstrom aus Mecklenburg-Vorpommern sollen zudem Leitungen von 220 auf 380 Kilovolt verstärkt werden, und zwar bei den Trassen Pasewalk-Lubmin und Lubmin-Lüdershagen-Güstrow. Eine weitere Netzverstärkung ist von Hamburg/Nord nach Krümmel geplant.

Bei Gütersloh in Nordrhein-Westfalen soll auf eine Höchstspannungstrasse verzichtet werden, ebenso auf eine Trasse von Borken nach Gießen in Hessen. An der Nordsee soll eine Leitung zum Abtransport von Meeres-Windstrom östlich zum Einspeisepunkt Cloppenburg/Ost verlagert werden.

Deutschland hatte sich 2011 nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima für einen völligen Umbau der Energieversorgung entschieden. Das letzte Kernkraftwerk soll bis 2022 vom Netz gehen, der Anteil von Ökostrom aus Wind, Sonne, Wasser und Biomasse an der Stromerzeugung von heute 25 Prozent bis 2035 auf 55 bis 60 Prozent steigen.