Magdeburg l Dieter Nuhr mag keine Bildschirme. Jedenfalls nicht bei Veranstaltungen. Alle Anwesenden starren dann darauf, kritisiert er. Das kenne man aus Kneipen. Nuhr schließt sich selbst nicht aus und philosophiert darüber, wie es wohl wäre, wenn er bei seinem Auftritt dem Publikum die Kehrseite zudreht und sich selbst auf dem Bildschirm beobachtet...

Vielleicht entscheidet er sich deshalb immer wieder aufs Neue für die Stadthalle, obwohl er locker auch größere Säle füllen könnte. Dieter Nuhr in Magdeburg, das heißt immer ausverkauftes Haus, heißt Schlangestehen am Eingang. So auch am Sonntagabend.

Bogen von Magdeburg nach Neuseeland

"Nuhr ein Traum" war der Titel der Veranstaltung, doch Dieter Nuhr erklärte sie kurzum zur therapeutischen Stunde zum Thema Entdeckung der Lebensfreude. Zufriedenheit erreicht man am besten mit geringen Erwartungen, so sein Tipp. Nur so ließen sich Enttäuschungen vermeiden, "auch heute Abend", kokettierte er und führte diese Äußerung in den nächsten gut zwei Stunden ad absurdum. Dabei reichte der satirische Bogen von Magdeburg bis Neuseeland, von Hitler zu Beethoven, vom Papst zur Bruderliebe, vom Klimawandel bis zur Grundfrage des Universums: Wo bin ich und wie komme ich nach Hause?

Vielleicht ist Zufriedenheit ja nur ein Traum, dann wäre der Bogen zum Programm gezogen. Wenn wir von einer besseren Welt träumen, haben wir sie vielleicht schon verschlafen, wagt er die Prognose und erklärt: "Wir haben nie in einer besseren Welt gelebt als heute und hier". Mit Fakten wartet er auf. Was Armut bedeutet, wissen Menschen in Ruanda, im Kongo. Doch wir wiegen uns im Selbstmitleid.

Zahlen und Fakten folgen wie Gewehrschüsse, zack-zack-zack. Punkt. Schweigen beim Publikum. Vielleicht eine nachdenkliche Pause, aufkommender Zweifel oder schnelles Googeln im Internet? Nachdenken ist kontraproduktiv, sagt Dieter Nuhr. Vielleicht liegt es auch daran.

Der Intellektuelle unter den Kabarettisten

Es sind nicht durchgängig die satirischen Betrachtungen, die Nuhr so unterhaltsam machen, sondern seine besondere Art der Darbietung. Er wirft dem Publikum einen Fakt hin wie einen Knochen zum Hund, es folgt eine kurze Pause, ein verschmitzter Blick, dann ein "Wobei ...". Der Rest entwickelt sich. Zum Lacher. Meistens jedenfalls.

Wenn nicht, scheint er sich Notizen zu machen, leise brummelnd "da muss ich noch mal ran". Was improvisiert wirkt, aber durchaus gewollt ist. Denn das ist die Nuhrsche Art. Zu der ebenso gehört, Fakten zu verbinden, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Scheinbar. Denn auch das ist nur eine Art der Betrachtung, die Nuhr gern verflechtet, verdreht, verwinkelt, bis er eine punktgenaue Landung hinlegt.

Dieter Nuhr hat den Ruf als "der Intellektuelle unter den Kabarettisten". Dem wird er immer wieder gerecht. Wobei ein weiteres Attribut durch einen Shitstorm hinzukam, der rechtspopulistische Züge unterstellte - eine hanebüchene Behauptung, wie Nuhr-Kenner wissen. Allerdings hat ihn die Erfahrung vorsichtig gemacht. So betritt er nach der Pause die Bühne mit der Erklärung, rückblickend auf den ersten Teil des Programms wolle er einiges klarstellen. Nicht dass ihn jemand missverstehe.

Überhaupt habe er das Gefühl, Deutschland sei das Zentrum der Beleidigten. Jeder beleidige jeden, vor allem im Internet. Natürlich konnte er auch den "Berufsbeleidiger" des Landes nicht unerwähnt lassen und präsentierte seinen Bushido-Rap. Wunderbar.

Die zotigeren Witzeleien bekommen die meisten Lacher. Was nicht unbedingt bedeutet, dass die intellektuellere Satire weniger gefragt ist. Schließlich ist er der mit der Aura des Intellektuellen. Gerade das liebt das Publikum.