Magdeburg l Wüssten Sie wie blau klingt? Der synästhetische Olivier Messiaen schon. Er bezeichnete sich selbst als Ton-Farbe-Musiker, setzte mit harmonischen Modi Farbflächen gegeneinander und entdeckte so in der Musik komplementäre Farben. Eine fast transzendentale Einstimmung bot die Magdeburgische Philharmonie mit Messiaens Méditation symphonique.

"Die vergessenen Opfer" sind dessen erstes Orchesterwerk und ob des religiösen Hintergrundes ein klingendes Altartriptychon - heute nur selten gespielt. Dass man als Zuhörer eventuell mit den Ohren sehen konnte, das versuchte das Orchester und der stellvertretende Generalmusikdirektor Michael Balke, der diesen Abend hervorragend mit gesetzter Ruhe und inspirierender Geste leitete, zu transportieren.

In einem blau changierenden Kleid und voller emotionaler Überzeugungskraft in ihrer Tongebung auf der Violine überraschte die Japanerin Kyoko Takezawa das Konzertpublikum im Magdeburger Opernhaus - mit einem der beliebtesten, wenn auch schwierigsten Werk der Violinliteratur überhaupt, dem einzigen Konzert für Violine und Orchester D-Dur von Peter Tschaikowsky. "Technisch unspielbar" lehnte der für die Uraufführung 1879 vorgesehene Geiger Leopold Auer noch ab.

Heute ist es eine Herausforderung an technisches Können und leidenschaftliche Virtuosität für fast jeden Violinsolisten, solistisch im wahrsten Sinne eines Solokonzertes mit unüberhörbarer Führungsrolle. Michael Balke nahm die Magdeburgische Philharmonie unprätentiös begleitend zurück und ließ sie an den entsprechenden symphonischen Variations- bzw. konzertanten Stellen schön aufblühen.

Während der Orchestereinleitung zeigte die Solistin Kyoko Takezawa bereits ihre unbändige Emotionalität. Als sie die Geige ansetzte und zum Klingen brachte, lag sie tonlich überzeugend über allem im Konzertsaal. Es schien eine gute Mischung aus Kraft und Leidenschaft gewesen zu sein. Schon der erste Satz, das Allegro moderato ist ein Violinkonzert in sich. Stürmisch und drängend, viele Läufe über das gesamte Griffbrett, auch die schwierigen Doppelgriffe gestaltete sie noch und die von Tschaikowski auskomponierte Kadenz zelebrierte Takezawa.

Nach dem imposanten Schlusslauf gab das Publikum Satzapplaus. Das Finale ebenso markant, Doppelgriffe gestrichen und gezupft, temporeich, starker Bogendruck, rhythmisch, lyrisch, überschäumend - Takezawa ging voll auf Risiko. Den Kern des Werkes zu knacken, liegt vielleicht besonders im zweiten Satz, der Canzonetta im Andante. Dort sind die Momente der Natürlichkeit und des Raumes, poetisch und geheimnisvoll.

Das wollte Takezawa unbedingt zutage bringen, das spürte man. Doch stand sie mit ihrer eigenen Emotionalität dessen manchmal im Weg. Ein bisschen Demut und Schlichtheit hätten da gutgetan. Die Beliebtheit des Werkes und die musikalische Sensibilität der Solistin verfehlten die Wirkung beim Publikum dennoch nicht - das war begeistert.

Voll zum Zug kam die Magdeburgische Philharmonie schließlich im Konzert für Orchester von Béla Bartók. Der Name macht deutlich - keine Sinfonie. Doch zwischen Sinfonie, Konzert und Ballett bewegten sich Bartóks musikalische Einfälle nach einer längeren Kompositionspause. Ein sehr buntes und farbenreiches Stück ist ihm da gelungen, für das (und für Bartók überhaupt) sich auch Messiaen in Frankreich verdingt machte.

Die konzertierende solistische Verwendung einzelner Instrumente und Instrumentengruppen rechtfertige den Namen "Konzert", so Bartók selbst. Zum Beispiel die wundervoll virtuosen Blechbläser in den fugenartigen Abschnitten des ersten Satzes; die wendigen Streicher in den Perpetuum-Mobile-artigen Passagen im letzten Satz, aus dem die Bläserstimmen wie Funken hervorblinkten; insbesondere aber im zweiten Satz, in dem die Instrumente jeweils paarweise musizierten mit eigener Choreografie und unterschiedlichen Tanzschritten, denn Bartók schrieb den Instrumentenpaaren jeweils verschiedene Intervalle zu. Brillante Höreffekte, charakteristische Gestaltungen, Michael Balke und die Philharmoniker sehr stilsicher und virtuos - ein Vergnügen zuzuhören!