Dass der CDU-Bundestagsabgeordnete Karl-Georg Wellmann von Russland jüngst mit einem Einreiseverbot belegt wurde, sorgt für heftige diplomatische Verstimmungen zwischen Moskau und Berlin. Mit dem Bann gegen den russlandkritischen deutschen Politiker zeigt die Kremlführung, dass sie sich von EU-Sanktionen nicht einschüchtern lässt, sondern diese mit gleicher Münze zurückzuzahlen vermag. Der Graben zwischen Moskau und den Europäern wird tiefer.

Russland ist dabei, sich vom Westen insgesamt hin nach Asien umzuorientieren. Wichtigster Ausdruck dafür ist die neue Partnerschaft mit China. Die Gemeinsamkeit der beiden Giganten wurde zuletzt bei den Feiern zum 70. Jahrestag des Sieges über den Hitlerfaschismus in Moskau zelebriert, wo führende westliche Staatsmänner fehlten. Herzlich begrüßter Gast war dafür Chinas Partei- und Staatschef Xi Jinping. "Unsere Beziehungen sind vertrauensvoll und auf sehr hohem Niveau", verkündete Russlands Präsident Wladimir Putin.

China will russische Rohstoffe


Es blieb nicht bei warmherzigen Freundschaftsbekundungen - etliche Verträge über die wirtschaftliche Zusammenarbeit wurden bei dieser Gelegenheit gleich mitunterzeichnet. Russland wird China bis zu 100 Passagierflugzeuge liefern, eine chinesische Firma wird eine Hochgeschwindigkeitsbahn von Moskau nach Kasan bauen. Auch militärisch kooperiert man immer enger: Unmittelbar nach der Parade in Moskau begann ein russisch-chinesisches Seemanöver im Mittelmeer.

Selten in der jüngeren Geschichte waren die Beziehungen zwischen Russland und China so gedeihlich wie im Augenblick. In der Sowjet-Ära beharkten sich die beiden kommunistischen Mächte meist nach Kräften. Dies begann mit der Rivalität von Stalin und Mao und gipfelte 1969 in einem kriegerischen Grenzkonflikt am Ussuri.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion hatten deren Nachfolgestaaten mit Russland an der Spitze zunächst mit sich selbst zu tun, während China seinen wirtschaftlichen Aufstieg organisierte. Inzwischen überschneiden sich viele Interessen beider Länder - wirtschaftlich, politisch und militärisch. China ist an russischen Rohstoffen interessiert, Russland wiederum ist für China als Absatzmarkt eine Größe. Mit Brasilien, Indien und Südafrika werden China und Russland zur Gruppe der BRICS-Staaten zusammengefasst, die sich mit viel Potenzial unterhalb der führenden Industriestaaten bewegen.

Abneigung gegen amerikanische Lebensweise


Politisch ist Russland nach einer kurzen jammervollen Demokratie-Erfahrung in den 1990er Jahren wieder bei einer autokratischen Herrschaftsform gelandet, wie sie das Land über Jahrhunderte prägte. Die Volksrepublik China wird straff von den Spitzenfunktionären der Staatspartei geführt, die nur dem Namen nach noch kommunistisch ist. Beide Systeme reagieren empfindlich, wenn sich demokratische Strukturen selbständig von innen her zu entwickeln beginnen oder von außen hereingetragen werden sollen.

Besonders misstrauisch wird der Einfluss der Vereinigten Staaten beäugt. Auch wenn chinesische Funktionäre ihre Kinder gern in den USA studieren lassen - amerikanische Lebensweise hat bitteschön draußen zu bleiben. In Russland, wo sich zahlreiche US-Organisationen etabliert hatten, werden diese laut einem neuen Gesetz als ausländische "Agenten" behandelt.

Die Abgrenzung gegen Amerika betreiben Russland und China arbeitsteilig. Nach Westen hin ist es Moskaus Sache, dem tatsächlichen oder vermeintlichen amerikanischen Expansionsstreben Einhalt zu gebieten. Hatte Russland die Nato-Ausdehnung nach Osteuropa schon als Zumutung empfunden, war für Putin das Maß beim Ukraine-Umsturz überschritten. Die Besetzung der Krim und die Anfachung des Krieges in der Ostukraine waren die Reaktion.

China auf Konfrontationskurs


Wenn Russland in dieser Krise auch mit den Europäern verhandelt - im Hintergrund wird immer die amerikanische Bedrohung an die Wand gemalt. Die EU spielt nach dieser Sichtweise nur die Stellvertreterrolle für die Amerikaner.

Die Chinesen hingegen blicken nach Osten und Süden und peilen die absolute Vorherrschaft in Asien an. In früher nicht gekannter Aggressivität werden etwa Gebietsansprüche auf Inseln im Ostchinesischen Meer geltend gemacht. Weil die USA aber an ihrem Führungsanspruch für Asien festhalten, scheint eine handfeste Konfrontation mit den Chinesen nur eine Frage der Zeit zu sein.

Dagegen pflegen Russland und China fleißig ihre Beziehungen auf höchster Ebene. Wenn Peking Anfang September das Ende des Zweiten Weltkrieges feiert, wird Wladimir Putin neben Xi Jinping auf dem Platz des Himmlischen Friedens wieder freundlich von der Tribüne winken.