Der 43-jährige Steffen Ahl aus Tangermünde war seit 2009 als Architekt und Stadtplaner in der libyschen Hauptstadt Tripolis tätig. Landesweit konnte er das System Gaddafis in Libyen studieren und das Brodeln in der Bevölkerung bis zum Aufstand miterleben. Als die Unruhen im Lande ausuferten, verließ er Libyen wie die meisten Ausländer. Nicht ohne Wehmut, weil er dort Freunde gewonnen hat. Hier sein aufschlussreicher Bericht.

Von Steffen Ahl

Ein Business-Class-Ticket von Tripolis nach Mailand war am 21. Februar der schnellste Weg, Libyen auf dem Luftweg zu verlassen, noch bevor der große Ansturm auf den Flughafen einsetzte. In der Gruppe waren neben mir Kollegen aus Polen, aus Südafrika, aus Frankreich, aus Italien und aus Mexiko.

Wir alle hatten in einer staatlichen libyschen Firma gearbeitet, die große Bauvorhaben steuerte. Ich hatte mich dort im Frühjahr 2009 auf ein Stelleninserat im Internet hin beworben und eine Zusage von dem Unternehmen erhalten, das in ganz Libyen rund 600 Mitarbeiter beschäftigte.

Noch am Morgen des Tages vor der Abreise hatte der Chef der Firma in einer Ansprache vor allen ausländischen Mitarbeiter jedwede Befürchtungen um die Sicherheit der Firma, die Kontrolle im Lande und der Sicherheit jedes Einzelnen lächerlich gemacht.

Wir hatten prompt geschaltet und verstanden, dass von der Firma keine Evakuierung erwartet werden konnte. Unsere Geschicke mussten wir in die eigenen Hände nehmen. Noch am selben Nachmittag fuhren einige von uns direkt zum Flughafen. Bis dahin war es in Tripolis noch weitgehend ruhig gewesen. Nur die Schulen hatten ihre Jungen und Mädchen aufgefordert, auf dem Grünen Platz regierungsfreundlich zu demonstrieren, während man in Bengasi und Al Beida bereits offiziell 84 Tote zählte. In dieser Nacht sollte auch in Tripolis überall geschossen werden.

"Persönlicher Draht ins Haus Gaddafis"

Der Chef der Firma, in der meine Freunde und ich arbeiteten, hatte die Designabteilung mit jungen Architekten international besetzt und mithilfe seines persönlichen Drahtes ins Haus Gaddafis im Prinzip alle großen Bauvorhaben im Lande unter seine Kontrolle gebracht, denn in erster Linie sollte sich das Land baulich modernisieren.

Libyen hatte dazu die ganze Welt eingeladen, die Planer waren begeistert. Auch wenn jedem klar war, dass die Modernisierung zentral gesteuert blieb und die Weichen für die Zukunft Libyens direkt im Hause Gaddafi gestellt wurden.

Modernisierung ohne Veränderung – das war ein allgemein akzeptierter Konsens in Zeiten globaler Wirtschaftskrise. Hotels sollten überall entstehen, Kinos und neue Schulen. In Tripolis und Bengasi sollten die Hauptstraßen und die Uferzonen neu gestaltet, die Altstädte saniert und in Tripolis ein Grüngürtel um den Stadtkern herum angelegt werden. Mit Museum, Bibliothek, ökologischem Business-Park und Konferenzzentren.

Nicht genug mit über 80 Projekten für Tripolis: In der Wüste und am Mittelmeer sollten neue Städte mit 200 bis 4000 Wohnungen entstehen. Inklusive Bildungseinrichtungen, Kindergärten, Geschäften, Shopping Malls, Moscheen, Kulturzentren, Parks und Sportanlagen…

Selbstverständlich wollten die Gaddafis überall im Land ihre Villen haben, in den Bergen, einsam am Mittelmeer und in der Sahara – alles hoch gesicherte Militäranlagen, für ihre Frauen, für ihre Kinder, Offiziere und Minister. Ein Land voller Bauaufgaben, aber deswegen eine neue Gesellschaft?

Nein, die wollten die Verantwortlichen im Lande auf keinen Fall. Aber anders als in Tunesien oder in Ägypten, wo die Regierungen jahrelang nichts für ihre Menschen getan hatten, war besonders der Sohn Muammar al-Gaddafis, Saif Al-Islam es, der in Libyen Entwicklungen stattfinden ließ – freilich unter der absoluten Kontrolle des Clans, des Regierungsapparates und des Militärs. Ohne Zugeständnisse an die Bevölkerung ging das nicht, aber eine tatsächliche Beteiligung der Menschen an der Regierung sollte ausgeschlossen, an totalitären Strukturen festghalten werden. Gaddafis Sohn sollte eines Tages ein modernes Libyen regieren – als unveränderte, wenngleich zunehmend verschleierte Diktatur – ein Widerspruch, der sich in einer globalisierten Welt auf Dauer nicht halten kann.

Die Situation im Land unmittelbar vor dem Beginn des Aufstandes der Bevölkerung in Bengasi und in der Green-Mountain-Region erinnerte mich an die letzten Tage der DDR.

Als ich im Herbst 2009 in Tripolis ankam und die Gesellschaft kennenlernte, fragte ich mich schnell, wann wohl die Menschen ihre Geschicke in die eigenen Hande nähmen, trotz der anscheinend wohlhabenden Gesellschaft.

Aber Libyer sind friedliebende, stark religiös gebundene Menschen. Und es herrschten weitgehende Tabus. Zum Beispiel, über Politik zu sprechen. Mit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes, die mit der Jahrtausendwende einsetzte, wurden die Einheimischen mehr und mehr zum Stillsein erzogen.

Standen in den 1990er Jahren des internationalen Boykotts gegen Libyen die meisten Einwohner des Landes noch hinter dem Revolutionsführer und ertrugen den Mangel gemeinsam, den USA zum Trotz, wurde später darauf verzichtet, den Namen Gaddafis laut auszusprechen – wie in Tunesien den Namen von Ben Ali.

Die Bürger waren darauf bedacht, Repressalien zu vermeiden oder gesellschaftlich isoliert zu werden. Wenn man dennoch auf Gaddafi zu sprechen kam, wurde der Name lieber mit "The Leader" (Führer), "Colonel" (Oberst) oder "The Family" (Familie). Und wenn jemand vertraulich fragte, wie er denn sei, der "Leader", hörte man, er sei weder gut noch böse. Er genoss zwar selten die volle Sympathie, aber für richtig böse hielt ihn bis vor kurzem kaum jemand, auch die Libyer nicht.

Bis vor kurzem waren die Plakate Gaddafis überlebensgroß auf allen Straßen und Plätzen zu sehen. Kein öffentliches Gebäude kam ohne sie aus. Er war omnipräsent, wie er stets mit Sonnenbrille und von unten herauf fotografiert über alle hinweg in die Ferne blickte, vom Regierungsprinzip eines Dritten Weges getrieben. Seines Weges, dem eines Dandy, dessen reiche Erdölvorkommen dem Land eine weitgehende ökonomische Unabhängigkeit garantierten wie der gute Freund Gaddafis, Silvio Berlusconi auch. Bei den Wirtschaftsbeziehungen standen aber zuletzt eher die Türkei und China ganz oben auf der Liste.

"Foto vom ,Colonel‘ wie ein Heiligenbild"

Auch in jedem Geschäft oder privaten Büro hing ein ge-rahmtes Foto vom "Colonel" wie ein Heiligenbild. Dass er ein guter Herrscher wäre, sagte aber auch niemand. Einer meiner libyschen Freunde wagte es mal, mir unter vorgehaltener Hand zuzuflüstern, Muammar al-Gaddafi sei gefährlich, denn schon in der Vergangenheit hätte er Regimegegner in Staatsgefängnissen ohne große Vorwarnung einfach abknallen lassen. In einer Nacht in den 1990ern sollen es fast zweitausend gewesen sein. Jedwede Information darüber versank im Sand der Wüste.

Das war überhaupt so mit allen Informationen. Solche, die die scheinbare Ruhe der Gesellschaft ins Wanken bringen, wurden tunlichst vermieden. Dafür arbeitete der Sicherheitsapparat und auch jeder Einzelne in seiner beruflichen Position.

Ich erinnere mich an einen Besuch in Tunesien vor drei Jahren, wo mich unvermittelt ein Student in Tunis in ein Gespräch über die vermeintliche Diktatur des Präsidenten Ben Alì verwickelte. Auf meiner Urlaubsreise durch das Land sprach nichts für dergleichen. In Libyen herrschte eine ähnlich verschleierte Wirklichkeit. Oder wer von Ihnen war schon mal im Urlaub in Ägypten? Hätten Sie das Land damals als Militärstaat klassifiziert?

Wie zerbrechlich die Situation eigentlich war, wurde mir spätestens immer dann klar, wenn mal wieder einer meiner internationalen Kollegen von heute auf morgen ohne Begründung aus der Staatsfirma geworfen und gewissermassen vom Arbeitsplatz weg ins Heimatland zurückgeflogen wurde. Vielleicht allein aus dem Grund, eine falsche Anfrage an die oberste Firmenetage gestellt zu haben. Ich stellte eine Zunahme dieser stalinistischen Taktik seit dem Beginn dieses Jahres fest.

Wir "Internationalen" hatten dann meist noch zu einem Abschiedsessen im Restaurant Gelegenheit. Aufgrund der Häufigkeit dieser Ereignisse erübrigte es sich, dass wir uns auch noch zu anderen Anlässen zusammen fanden. Auch zunehmende Restriktionen in unserem Arbeitsalltag seit der Unruhen in Tunesien zeugten von einer unterschwelligen Angst.

Die politischen und die gesellschaftlichen Tabus, die für meine Begriffe völlig wahllos getroffenen Entscheidungen, den Bau neuer Städte in der Wüste ohne jegliche künftige Beschäftigungsaussicht für Menschen zu befehlen, sowie unsere paramilitärisch geführte Firma mit ihren genau so wahllos getroffenen Entlassungsentscheidungen, gaben mir immer mehr das Gefühl, Gast in einem totalitären Staat zu sein.

Übrigens habe auch ich eine dieser Städte geplant, 200 Kilometer südlich von Sirte, angeblich auf die persönliche Weisung Gaddafis hin. Dass er dort geboren worden sei, reichte als Begründung aus, aus einer lockeren Ansiedlung eine Planstadt von künftig etwa 6000 Einwohner machen zu wollen. Wer da einmal hinziehen sollte und warum – darum sollten wir Planer uns keine Gedanken machen! Niemand der international operierenden Konsulenten machte sich überhaupt um solche innenpolitischen Hintergründe im Gaddafi-Staat Gedanken.

"Würde mich freiwillig melden"

Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Gespaltenheit der Lager der Regimetreuen und der Freiheitsanhänger heute. Natürlich glauben wir in Europa gerne, dass einige das Regime des gezahlten Geldes wegen verteidigen.

Aber die Lage ist komplizierter und macht eine Bürgerkriegskonstellation erklärlich. Ähnlich wie der ägyptische Ex-Präsident Husni Mubarak hat Gaddafi über 40 Jahre lang in den Schulen seine Lehren verkünden lassen und Gefolgsleute an sich gebunden. Bei Widerspruch hat er keine Sekunde lang gezögert, seine Getreuen in ein ausgebreitetes Nichts zu stoßen.

Ich denke, ein Neuanfang in Libyen kann nur begonnen werden, wenn die Strukturen des alten Apparates zerbrechen und damit Lybiens Perspektive auf einen realistischen Boden gestellt wird. Unter einer echten Teilhabe der Bevölkerung und ohne Vormundschaft. Nach einem Sieg der Rebellen wird es lange dauern, dass Libyen einen Weg in die Zukunft findet.

Ich bin nach meiner Rückkehr nach Tangermünde noch ohne Bschäftigung. Gäbe es aber morgen eine humanitäre Hilfsinitiative für Libyen, würde ich mich dort freiwillig melden. Denn innerhalb der kurzen Zeit habe ich in dem nordafrikanischen Land jede Menge Freunde gefunden.