Von Lars Nicolaysen

Skandale, Schäden, Vertuschungen: Der größte Stromkonzern Japans, Tepco, sorgt als Betreiber des havarierten Atomkraftwerks (AKW) in Fukushima schon seit langem für Negativschlagzeilen. Doch erst jetzt wird in der Regierung allmählich Kritik an dem Konzern laut."Inakzeptabel" sei, was sich Tepco geleistet habe, sagte Regierungssprecher Yukio Edano.

Erst meldete der Betreiber des Atomwracks von Fukushima, die Strahlung im Wasser des Reaktors 2 sei zehn Millionen Mal höher als normal. Dann ist "nur noch" von 100000 Mal höherer Belastung die Rede. Dabei ist das längst nicht die einzige Schlamperei, die sich der größte Stromkonzern des Landes geleistet hat.

Jahrelang vertuschte das Unternehmen in seinen AKW Schäden und führte die Öffentlichkeit hinters Licht. Warnungen vor einem gewaltigen Tsunami wurden vom Tisch gewischt. An ihrem Atomkurs hält die japanische Regierung aber weiterhin fest.

Während die Bevölkerung in der Unglücksregion zunehmende Angst vor der radioaktiven Verseuchung hat und den Mangel an Informationen beklagt, stellte sich das Unternehmen erst vor ein paar Tagen hin und behauptete: "Es gab keinen Anstieg an Radioaktivität in den umliegenden Gebieten."

Ein Grund für die Nachlässigkeit könnte sein, dass Tepco ein Monopol für die Stromversorgung im Großraum Tokio hat. Wettbewerb braucht das Unternehmen nicht zu fürchten. Der Konzern funktioniere mehr wie ein Beamtenapparat als ein Wirtschaftsunternehmen, sagen Kritiker. Als größter Stromkonzern des Landes beeinflusst Tepco maßgeblich die Atompolitik Japans. Hinzu kommt, dass das Unternehmen auch als Auffangbecken für ausscheidende Ministerialbürokraten dient.

Gegner verweisen zudem auf die Rolle der staatstragenden Medien, die sich mit Kritik an den Stromkonzernen stets zurückgehalten haben. Atomunternehmen wie Tepco oder Chubu Electric sind Anzeigenkunden, mit denen es sich die Verlage nicht verscherzen wollen.

Erst jetzt, da Japan eine der größten Atomkatastrophen der Welt erlebt, wird allmählich die Kritik lauter. Auch staatstragende Medien notierten, dass sich der oberste Chef des Konzerns, Masataka Shimizu, bislang lediglich einmal vor der Presse gezeigt hat. Kurz nach Beginn der Katastrophe verschwand er plötzlich aus der Einsatzzentrale des Konzerns und zog sich "erschöpft" in ein Nebenzimmer zurück. Aber selbst das erfuhr die Öffentlichkeit erst später.

Inzwischen scheint aber selbst die Regierung, die sich vorwerfen lassen muss, ihrer Aufsichtsrolle nicht ausreichend nachgekommen zu sein, auf Distanz zu dem Skandalunternehmen zu gehen. Manche Regierungsbeamte sind laut Medienberichten zunehmend skeptisch, ob das Unternehmen tatsächlich alle Informationen bereitstellt.

Dennoch hält das rohstoffarme Japan weiter an der Atomenergie fest. "Es gibt nicht so viele einfache Alternativen für uns", sagte Hidehiko Nishiyama, Vize-Generaldirektor der Atomaufsichtsbehörde, dem "Wall Street Journal". Die Atomenergie liefert rund 30 Prozent der japanischen Stromversorgung. Die Regierung will den Anteil in den nächsten zehn Jahren sogar auf 40 Prozent anheben.

Atomaufseher Nishiyama entstammt dem Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie, das die Atomindustrie sowohl reguliert als auch fördert. Das Ministerium bemühte sich in jüngster Zeit verstärkt darum, der Atomwirtschaft dabei zu helfen, ausländische Aufträge zum Bau von Atomreaktoren an Land zu ziehen. Derweil sollen die Sicherheitsmaßnahmen in den heimischen AKW erhöht werden. Vor allem AKW, die direkt am Meer gebaut sind, sollen höhere Mauern gegen Tsunami erhalten.(dpa)