Von Oliver Schlicht

Magdeburg. Modern und trendy zu sein, ist für Politiker heutzutage keine Frage der Schlipsfarbe. Wer wirklich angesagt ist, stellt die PM ("Pressemitteilung") nicht einfach nur ins Internet, sondern postet sie auf Facebook. Und mit dem Wahlvolk ständig auf Tuchfühlung ist ein Politiker nicht mehr in der Fußgängerzone, sondern auf dem Smartphone per Twitter-Kurzmitteilungsdienst – selbst in Sachsen-Anhalt.

Der Linke Wulf Gallert (@WulfGallert) twittert, Jens Bullerjahn (@Jens_Bullerjahn) von der SPD ebenso, und auch CDU-Minister Reiner Haseloff (@reinerhaseloff) twittert durch die Lande. Sie verbreiten Weisheiten, beantworten Fragen von anderen Twitterern oder verlinken Webseiten. Doch zwitschern – das heißt "twittern" auf deutsch – diese drei Herren wirklich selbst? Seit dem vergangenen Wochenende sind da Zweifel angebracht. Gemeint ist der Zeitraum von Freitagmorgen bis Sonntagabend: An diesen drei Tagen kannte die Welt – auch die der Twitterer – eigentlich nur ein Thema: Japan. Doch was twitterten unsere drei Landeshauptvögelchen? Alles, außer Japan.

Freitag, vormittag. Der Tsunami war bereits über die Küste Japans hinweggerollt. Bullerjahn twittert: "Heute informiere ich mich in Havelberg über den Stand der Planungen für die Bundesgartenschau 2015." Am Sonnabend explodiert der erste Atomreaktor. Bullerjahn spottet per Twitter über "Gallerhoff" und schimpft über "reichlich Populismus im Wahlkampfendspurt." Am Sonntag droht der Strom-Blackout in Japan. Der SPD-Mann hat etwas anderes im Sinn: "Heute Nachmittag Bullerjahns KulTour mit Landesjustizministerin Angela Kolb und Martin Hamerla in Wolfen." Am Sonntagabend immerhin ein Lebenszeichen: "Ich bin erschüttert über die vielen schrecklichen Bilder aus Japan", twittert Bullerjahn.

Und Gallert? Der hat in der Woche zuvor fast täglich mehrfach getwittert: Über die Demo der IG Bau, über den Frauentag der Linken, über die Grundwasserproblematik. Doch dann schweigt der Linke – bis Montag Vormittag. Japan? Nicht doch: "Wahlkampftour mit Frühlingserwachen". Ein Link im Twitter führt zu 21 Bildern, die alle das Gleiche zeigen: Wulf Gallert und Gregor Gysi bei gemeinsamen Wahlkampfauftritten am Wochenende.

Aber Reiner Haseloff als Wirtschaftsminister muss doch die Dimension dieses Ereignisses erschüttern. Nein, nicht wirklich, liest man seine Twitter-Meldungen. Freitag: "Zehn Punkte Sofortprogramm. Unsere Heimat hat Zukunft". Am Sonnabend: "Ich habe 12 Fotos im Album ,Besuch des Frischli-Werkes‘ zusammen mit Stanislav Tillich auf Facebook gepostet." Am Sonntag twittert Haseloff den Link zu einer Werbebroschüre über sich. Gleich doppelt, aber da ist er bestimmt nur versehentlich zweimal auf den Twitterknopf gekommen.

Oder drücken Gallert, Bullerjahn und Haseloff gar nicht selbst auf ihre Twitterknöpfe? Vielleicht müssen da drei arme Partei-Praktikanten lange vorher abgesegnete Wahlkampf-Werbung absetzen? Das wäre zwar das Gegenteil von dem, was die ganze Twitterei eigentlich sein will: aktuell, schnell und persönlich. Aber es wäre eine Erklärung.

Liebe Praktikanten von Gallert, Bullerjahn und Haseloff. Zwitschert mir mal zu, ob ich richtig liege. Der Autor dieser Zeilen twittert unter der Adresse: @MDSpatz. Ich zwitschere es auch nicht weiter.