Von Grit Warnat

Es war ein Weltmeisterschafts-Boxkampf, der im Oktober 1974 Kinshasa in den Blick der Weltöffentlichkeit gerückt hatte. Muhammad Ali war in der Hauptstadt des einstigen Zaire gegen den Favoriten George Foreman in den Ring gestiegen – und hatte überraschend gewonnen. Ein Kampf, der nicht nur in die Sportgeschichte einging, sondern auch in die Geschichte Afrikas. Als starker Mann des Kampfes sollte auch Staatschef Mobuto hervorgehen. Er wollte das noch junge unabhängige Land auf seine Art ins Rampenlicht rücken. Mobuto setzte auf nationale Identität und Anerkennung in der Welt. Das ließ sich der skrupellose, korrupte Machthaber stolze zehn Millionen Dollar kosten.

Auch Andrea Böhm, damals 13 Jahre alt, hatte durch den Boxkampf erstmals von Kinshasa gehört. Heute gilt sie als Kennerin des Landes, hat den Kongo mehrmals bereist und sagt, dass dieser Kampf "der Anfang vom Ende war". So resümiert sie in "Gott und die Krokodile".

Für das Buch war sie erneut in diesem geschundenen Land unterwegs. Sie besuchte auch die einstige Villa des Diktators, hat am Pool gestanden, in dem Mobuto nie gebadet haben soll. Weil darin Krododile schwammen, die gelegentlich mit Dissidenten gefüttert wurden. So erzählt man es sich im Kongo.

Andrea Böhm wird viel erzählt. Vielfach ausgezeichnete Journalistin reist mit verbeulten Geländewagen und kaputten Motorrädern durch das Land und fliegt mit Flugzeugen, die auf der schwarzen Liste der EU-Flughäfen stehen. Sie steigt in einfachen Hotels und Pensionen ab, in denen ein reger Ameisenverkehr herrscht und die Europäerin von Polizisten mit Kalaschnikows bewacht wird.

Es ist dieses unkonventionelle, abenteuerliche Reisen, das ihr viele interessante Begegnungen beschert. Sie lernt Musiker eines Sinfonieorchesters kennen, die auf gebrauchten Violinen und Posaunen made in China spielen. Sie ist zu Gast auf den so ertragreichen Diamantenfeldern, in denen die Arbeiter unter unmenschlichen und gefährlichen Bedingungen suchen, buddeln und sieben. Sie erlebt in einem Krankenhaus das Leid der traumatisierten Frauen, die von Rebellen-Milizen im Ostkongo vergewaltigt und verstümmelt wurden. Sie spricht mit Straßenkindern, einstigen Kindersoldaten, Vertretern von Menschenrechtsbewegungen, Boxtrainern, einem Künstler, dessen Skulpturen sie wie das Land beschreibt: schön und verstörend.

Es ist eine Art literarisches Roadmovie, das den Leser quer durch den Kongo führt – nicht nur in das Heute des Landes, sondern auch immer wieder in die Vergangenheit. Böhm erzählt von Missionaren und den einstigen belgischen Kolonialherren, die Menschen und Bodenschätze ausbeuteten und nicht müde wurden, Zwietracht im Land zu säen. Allein zwischen 1885 und 1920 sollen nach Schätzungen zwischen fünf und zehn Millionen Menschen gestorben sein, dahingerafft durch Seuchen, Zwangsarbeit, Hunger und Massaker. Ein Jahrhundert liegt zwischen einst und heute, doch immer noch steht der Kongo vor allem für Kriege, Flüchtlingsströme, Korruption, Menschenrechtsverletzungen.

Das große Land mitten im Herzen Afrikas ist für Andrea Böhm nicht zur Ruhe gekommen. Fast 60 Millionen Menschen, so schreibt die Autorin in ihrem Vorwort, organisieren auf "bizarre, geniale, mitreißende oder kriminelle Weise ihr Überleben". Böhm erzählt mit Landeskunde, vor allem aber mit viel Herz und Sympathie von dieser täglichen Kunst der Improvisation in einem Land, in dem das "Unvorhergesehene das Normale" ist.