Von Michael Donhauser

Das Grundprinzip von Amnesty International ist ziemlich einfach: "Ein stinknormaler Mensch sitzt in einem stinknormalen Haus und schreibt einen nicht stinknormalen Brief an einen Diktator, der sich darum nichts schert ..." So hat einmal BBC-Autor John Tusa die Arbeit der größten Menschenrechtsorganisation der Welt zusammengefasst. Doch die vielen Millionen Briefe haben Wirkung gezeigt: 50 Jahre nach der Gründung in London ist Amnesty aktueller und auch erfolgreicher denn je.

Als der britische Anwalt Peter Benenson an einem Sonntag 1961 einen Artikel im "Observer" veröffentlichte, konnte er nicht ahnen, was er auslöste. Durch Zufall hatte er vom Schicksal zweier Studenten aus Portugal gehört. Sie waren eingesperrt worden, weil sie auf ihre Freiheit angestoßen hatten. Benenson hatte das so empört, dass er in einer Kirche eine Kerze für sie entzündete. Die Kerze, von Stacheldraht umwoben, ist noch heute Symbol für Amnesty.

In dem Artikel rief der Anwalt dazu auf, etwas gegen Ungerechtigkeit zu tun. "Man muss nur eine Zeitung aufschlagen, und schon stößt man auf einen Bericht über jemanden, der eingesperrt, gefoltert oder hingerichtet wird, weil seine Meinung oder seine Religion der Regierung nicht gefallen. Jedes Mal überkommt den Zeitungsleser dann ein bedrückendes Ohnmachtsgefühl. Doch wenn diese Gefühle der Abscheu rund um die Welt zu einer gemeinsamen Handlung gebündelt werden könnten, dann könnte etwas Wirkungsvolles getan werden."

Dieser Aufruf, gedruckt am 28. Mai 1961, entfaltete eine Wirkung, wie Benenson sie nicht für möglich halten konnte. Aus dem zornigen Brief erwuchs eine weltweite Bewegung für Menschenrechte. Schon drei Jahre nach ihrer Gründung hatten die Unterstützer von Amnesty (englisch: Strafbefreiung) in tausenden Briefen an Machthaber aller Kontinente die Freilassung von mehr als 700 politischen Gefangenen gefordert – nicht weniger als 140 kamen frei. 1970 waren es schon 2000 Freilassungen. Das Prinzip ist im Grundsatz gleich geblieben: Möglichst viele Menschen schreiben möglichst viele Briefe an die Verletzer von Menschenrechten – so lange, bis sich etwas ändert.

Amnesty zählt heute drei Millionen Unterstützer weltweit. 1977 wurde die Arbeit der Organisation mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt. Mit der Zahl der Jahre wuchsen auch die Ambitionen.(dpa)