Von Can Merey

Der Gouverneur der nordafghanischen Provinz Tachar, Abdul Jabar Taqwa, empfängt hohen Besuch in seinem Büro. Der Kommandeur der Internationalen Schutztruppe Isaf für Nordafghanistan, Bundeswehr-General Markus Kneip, ist angereist. Unter den Teilnehmern des Sicherheitstreffens sind auch die Chefs der afghanischen Polizei und Armee für den Norden, die Generäle Daud Daud und Salmai Wesa. Was Gouverneur und Generäle nicht wissen: Unter den Sicherheitskräften, die sie eigentlich schützen sollen, ist mindestens ein Selbstmordattentäter der Taliban. Noch nie sind die Taliban so nah an einen ISAF-General herangekommen.

Immer häufiger verüben afghanische Attentäter in Uniform Anschläge auf ausländische Soldaten – und immer drängender stellt sich die Frage, wie stark Polizei und Armee unterwandert sind. Erst im Februar starben drei deutsche Soldaten, als ein afghanischer Soldat das Feuer auf sie eröffnete. Der Anschlag vom Sonnabend aber ist in seiner Schwere beispiellos. Die Folgen für die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft und der afghanischen Regierung um Sicherheit und Stabilität im Land sind noch gar nicht abzusehen.

Der Anschlag wirft die Frage auf, ob ausländische Soldaten ihren Verbündeten – den afghanischen Sicherheitskräften – überhaupt noch vertrauen können. Vertrauen ist Basis für die enge Zusammenarbeit, das sogenannte Partnering zwischen internationalen und einheimischen Sicherheitskräften. Damit sollen die Afghanen fit dafür gemacht werden, selber für die Sicherheit im Land zu sorgen. Das Partnering gilt daher als Schlüssel dafür, das angestrebte Ziel der NATO zu erreichen: die ausländischen Kampftruppen bis 2014 abzuziehen.

Zwar will die Bundesregierung am bisherigen Konzept festhalten. Experten aber zweifeln daran. "Das Partnering kann man jetzt eigentlich nur noch für tot erklären", sagt ein deutscher Afghanistan-Fachmann, der nicht namentlich genannt werden möchte. Und ein deutscher Sicherheitsexperte sagt: "Wir können jetzt keinem afghanischen Uniformträger mehr trauen."

Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) betonte, dass ein Abrücken von der engen Zusammenarbeit mit den Afghanen ausgeschlossen sei. "Wenn wir die Sicherheit allmählich in afghanische Hände übergeben wollen, dann geht es nur so, dass wir es mit den Afghanen zusammen tun", sagte er. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) bekräftigte, dass die afghanischen Sicherheitskräfte innerhalb der nächsten Wochen die Verantwortung in ersten Provinzen übernehmen sollen. Gegen Ende des Jahres soll dann wie geplant der Abzug der ersten deutschen Soldaten beginnen.

Aus dem Bundestag kamen allerdings Forderungen nach Reaktionen auf die Attacke der Taliban. "Der Anschlag kann nicht ohne Folgen bleiben", sagte Unions-Verteidigungsexperte Ernst-Reinhard Beck (CDU). Nach einer solchen Attacke müsse "ein entsprechender Gegenschlag gegen die Taliban-Organisation in dieser Provinz" erfolgen. (dpa)

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