Von Ulf Mauder

Die Terroristen haben mit ihrem Blutbad auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo einmal mehr auch Russlands größte Schwächen offengelegt. Kremlchef Dmitri Medwedew kritisierte am Tag nach dem Selbstmordattentat mit 35 Todesopfern, dass auf dem Airport der Inlandsgeheimdienst FSB und andere Sicherheitsbehörden sträflich versagt hätten. Er brandmarkte den von ihm schon so oft angeprangerten postsowjetischen Schlendrian als "Anarchie". Dabei redet der Präsident lieber von einem modernen Russland.

Russische Kommentatoren höhnten, dass der neue Anschlag keine Empfehlung sei für die von Russland dringend benötigten Investoren. Die liberale Wirtschaftszeitung "Wedomosti" fragte, warum es in Berlin, London und New York gelinge, schwere Terroranschläge zu verhindern – nur in Moskau nicht. Dabei will die größte europäische Stadt mit ihren mehr als zehn Millionen Einwohnern zum Beispiel 2018 mit die Fußballweltmeisterschaft ausrichten.

Gut ein Jahr vor der nächsten Präsidentenwahl musste Medwedew eine Vielzahl von Problemen einräumen. Eines der gravierendsten ist wohl, dass die Zahl der Terroranschläge im Nordkaukasus 2010 drastisch stieg. Erstmals ging er dabei nun auch die Geheimdienstler direkt an – und forderte personelle Konsequenzen. Die Silowiki, wie die Vertreter der Gewaltapparate heißen, stehen seit langem im Verdacht, selbst kriminell zu sein und nur auf eigene Rechnung zu arbeiten.

Zwar präsentieren die Sicherheitsorgane die im Nordkaukasus bei Spezialeinsätzen getöteten islamistischen Untergrund- kämpfer immer wieder wie Siegestrophäen. Aber die russische Bevölkerung interessiert sich kaum für die kriegsähnlichen Zustände in dem von Moskau weit entfernten Krisengebiet – ihr geht es um die Sicherheit daheim.

Medwedew kündigte nun wieder schärfere Sicherheitsvorkehrungen an. Zur Strategie eines Anti-Terror-Kampfes im Nordkaukasus äußerte er sich aber nicht. Zwar fließen wie schon unter seinem Vorgänger Wladimir Putin Milliarden in die Krisenregion. Doch der eigens in den Kaukasus abgeordnete Wirtschaftsexperte Alexander Chloponin kann kaum Erfolge vorweisen.

Das Ziel Moskaus, die bergige Vielvölkerregion zu befrieden, ist nicht in Sicht. Den jüngsten Hauptstadt-Anschlag sieht etwa die Zeitung "Kommersant" als Rache der Wahhabiten, einer besonders radikalen islamischen Gruppierung. Kremltreue Einheiten gehen demnach seit einigen Tagen mit Anti-Terror-Einsätzen gegen die Wahhabiten vor.

Dabei beklagen Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch (HRW) schon länger das äußerst brutale Vorgehen kremltreuer Kräfte auch gegen friedliche Menschen im Nordkaukasus. Bürgerrechtler sehen in den "gesetzlosen Zuständen" dort einen der Hauptgründe dafür, weshalb sich viele Menschen auf die Seite der Islamisten schlagen.

Doch längst hat es Moskau nicht nur mit einer wachsenden Islamisierung etwa in der russischen Teilrepublik Tschetschenien zu tun – oder mit der extrem hohen Zahl an Terroranschlägen im benachbarten Dagestan. Auch die anti-kaukasische Stimmung in der russischen Bevölkerung hat den Siedepunkt erreicht. Das zeigten unlängst auch die blutigen Straßenkrawalle zwischen Kaukasiern und Russen in Moskau.(dpa)

Bilder