Von Tina Heinz

Ohne einen gewissen Herrn Nüßlein hätte es diese Debatte über die Rolle des Auswärtigen Amtes im "Dritten Reich" nicht gegeben, erklärt Moshe Zimmermann – israelischer Historiker und Publizist – zu Beginn der Lesung des Buches "Das Amt und die Vergangenheit" in der Magdeburger Stadtbibliothek. Dieser gewisse Herr Nüßlein war Jurist im Dienste des Nationalsozialismus und wurde 1947 in der Tschechoslowakei zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Abschiebung nach Deutschland – wo keine seiner Angaben überprüft wurden – wurde er als Spätheimkehrer eingestuft. Ab 1955 war Franz Nüßlein im Auswärtigen Amt tätig.

"Es hatte sich jemand über den ehrenden Nachruf für Franz Nüßlein beschwert, der vor fast zehn Jahren in einem Blatt des Auswärtigen Amtes erschienen war", schildert Zimmermann. Diese Beschwerde hatte den Stein ins Rollen gebracht und den damaligen Außenminister Joschka Fischer dazu bewogen, eine Historikerkommission ins Leben zu rufen. Die Rolle, die der Auswärtige Dienst im Nationalsozialismus wirklich gespielt hatte und auch der bundesrepublikanische Umgang damit sollten endlich erforscht werden. Zusammen mit Eckart Conze, Norbert Frei und Peter Hayes veröffentlichte Zimmermann "Das Amt und die Vergangenheit" im Oktober des vergangenen Jahres.

"Unsere Aufgabe war es, Quellen festzustellen und dem Publikum eine Zusammenfassung anzubieten", erklärt Mo- she Zimmermann, der seit 1986 Direktor des "Richard-Koebner-Center for German History" an der Hebräischen Universität Jerusalem ist. Unterstützung erfuhren die Autoren und ihre Mitarbeiter dabei neben Fischer auch von dessen Nachfolger im Außenministerium, Frank-Walter Steinmeier. "Vor allem die Kollegen, die sich mit der Zeit nach 1945 beschäftigt haben, sind auf Lücken in den Archiven und mangelnde Kooperation gestoßen. Sie wandten sich an Herrn Steinmeier. Und er hat einen Referenten ernannt, der zwischen unserer Kommission und dem Archiv des Auswärtigen Amtes vermittelt hat.

Herausgekommen ist dabei ein "Nachruf über 900 Seiten", wie Joschka Fischer es nannte. "Aber wir wollten den Lesern nicht nur eine Zusammenfassung vorlegen, sondern eine Art Synthese, die diskutiert werden kann", so Zimmermann.

Das Gesamtergebnis der Arbeit dieser Historikerkommission ist sicherlich keine Sensation; die neuen Erkenntnisse über die Aktivitäten des Außenamts im "Dritten Reich" halten sich in Grenzen. Das Buch ist jedoch als eines der wichtigsten zeithistorischen Werke zu bewerten. "Über den Nationalsozialismus wissen wir schon viel. Aus diesem Grund würde ich das Buch auch nicht als schockierende Neuigkeit sehen", meint Zimmermann. "Es war bekannt, dass das Auswärtige Amt am Holocaust beteiligt war. Zwar nicht mit dem Gewehr in der Hand, aber bei der Planung und bei der Organisation."

Den Reiz des Buches, das sich stellenweise wie ein Krimi liest, macht neben dem vielschichtigen Überblick das Darstellen von Einzelschicksalen und Strukturen aus. "Wir wollten gezielt die Aktivitäten der Diplomaten vor und nach 1945 nachzeichnen und dabei die bürokratischen Strukturen erläutern, die den Holocaust ermöglicht haben", so Moshe Zimmermann. Anhand detaillierter Nachweise gewähren die Autoren dem Leser einen Blick auf die elitäre Weltanschauung des Amtes in der Berliner Wilhelmstraße, das sich über einen langen Zeitraum als immunen Fleck im Nationalsozialismus dargestellt hat und sich über Kritik jeglicher Art erhaben fühlte.

Der aufschlussreichere – weil bislang partiell unbekanntere – Teil des beinahe 900 Seiten umfassenden Buches, ist die Darstellung der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier zeigen die Autoren auf, wie die "Ehemaligen" des Auswärtigen Amtes der Täterverfolgung entgingen und eine neue Karriere starten konnten.

Alte Verflechtungen im neuen Amt in Bonn ermöglichten es den diplomatischen Kollegen, sich gegenseitig zu rekrutieren und – wie Moshe Zimmermann es formuliert – beim Blick auf die Vergangenheit ein Auge zuzudrücken. Unbelastete Quereinsteiger hatten keine Chance, die Alteingesessenen zu verdrängen.

Eine der brilliantesten Passagen des Werks aus der Zeit nach 1945 ist die Rekonstruktion des Wilhelmstraßenprozesses von 1948/1949. In eindrucksvoller Weise wird geschildert, welche Hebel in Gang gesetzt wurden, um der außenpolitischen Elite – darunter Ernst von Weizsäcker – eine Anklage zu ersparen. Gerade der unaufgeregte, sensationsfreie Erzählstil, der sich durch das gesamte Buch zieht, macht diese Stelle zu einem Höhepunkt. Und der Leser fragt sich am Ende, was an den diplomatischen Kreisen schlimmer ist – ihre Beteiligung während der Zeit des Nationalsozialismus oder die Vertuschung und Fälschung von Tatsachen danach.