Von Christoph Sator

Aus zwei plus vier mach eins. Dass diese Rechnung niemals aufgehen kann, bekommt man schon schon als Erstklässler beigebracht. Was in der Mathematik ein Ding der Unmöglichkeit ist, kann in der Diplomatie allerdings durchaus gelingen: Die "Zwei-plus-Vier"-Formel war vor zwei Jahrzehnten eine der Grundlagen dafür, dass Deutschland wiedervereinigt werden konnte.

Heute ist es genau 20 Jahre her, dass die Gespräche zwischen den zwei deutschen Staaten und den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs über die außenpolitischen Aspekte der Einheit begannen. Auf Einladung des damaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher (FDP) traf man sich im Weltsaal des Auswärtigen Amtes, das damals seinen Sitz noch in Bonn hatte

Die Teilnehmerliste macht deutlich, wie sehr sich die Welt seither verändert hat. Zwei der Staaten, die im Mai 1990 dabei waren, gibt es heute nicht mehr: die DDR und die Sowjetunion. Frankreich und Großbritannien haben an Einfluss verloren. Einzig verbliebene Supermacht aus der Runde sind die USA.

Die Vereinigten Staaten mit ihrem damaligen Präsidenten George Bush hatten entscheidenden Anteil daran, dass die "Zwei-plus-Vier"-Verhandlungen überhaupt zustande kamen. Andere bundesdeutsche Verbündete – allen voran die Briten mit ihrer Premierministerin Margaret Thatcher – versuchten in den ersten Monaten nach dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 noch, die Wiedervereinigung zu verhindern.

Sowjets und Franzosen setzten sich dafür ein, die Debatte in die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE, heute: OSZE) zu verlagern – was vermutlich bedeutet hätte, dass jahrelang verhandelt worden wäre. Staaten wie Italien oder die Niederlande pochten darauf, ein Mitspracherecht zu bekommen. Viele im Westen hofften insgeheim, dass der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow eine Wiedervereinigung niemals zulassen würde.

Auf einer gemeinsamen Konferenz von NATO- und Warschauer-Pakt-Staaten im kanadischen Ottawa verständigte man sich im Februar 1990 jedoch auf das "2+4"-Modell – eine Serie von Konferenzen, an deren Ende sich die Alliierten von ihren Siegerrechten verabschieden sollten. Wer die Idee dafür hatte, ist bis heute nicht geklärt. Sowohl Moskau als auch Washington machen Urheberrechte geltend.

Nach dem Auftakt in Bonn ging es erstaunlich schnell. Es folgten drei weitere Sechser-Treffen, in Ost-Berlin, Paris und in Moskau. Auf die geplanten Begegnungen in London und Washington konnte man verzichten. Allerdings fehlte es bis zum Schluss nicht an Dramatik. Erst in letzter Minute gaben die Briten ihre Forderung auf, in Ostdeutschland NATO-Manöver abhalten zu dürfen, so dass der "Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland" schließlich am 12. September unterzeichnet werden konnte. Gleich im ersten Artikel heißt es: "Das vereinte Deutschland wird die Gebiete der Bundesrepublik Deutschland, der Deutschen Demokratischen Republik und ganz Berlins umfassen." Im Folgenden wurde dann unter anderem geregelt, dass Deutschland frei entscheiden kann, zu welchem Bündnis es gehört, sowie die Obergrenze der Bundeswehr (370 000 Mann) und der letzte Termin für den Abzug der sowjetischen Truppen (1994) festgeschrieben. Im Gegenzug verzichteten die Alliierten auf ihre Siegerrechte.

Zur Zeremonie in einem schmucklosen Saal des Moskauer Nobel-Hotels "Oktjabrskaja" gab es Champagner. Genscher versprach: "Wir Deutschen werden mit der wiedergewonnenen Freiheit dem Frieden dienen. Wir kennen unsere Verantwortung." Drei Wochen später war Deutschland nach 45 Jahren Teilung wieder vereint. Die Rechnung war aufgegangen. (dpa)