Ein Land, eine Währung. So weit, so klar. Zwei Länder, eine Währung. Da wird es schon kniffliger. Besonders wenn zwei Staaten sich zusammentun, deren Wirtschaftskraft sehr unterschiedlich ist wie bei der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten vor 20 Jahren. Während die Menschen in der DDR die D-Mark herbeisehnten, stritten sich Politiker und Experten über den richtigen Umtauschkurs, die Angleichung der Löhne und des Sozialsystems. Die einen nannten die schnelle Währungsunion eine kalkulierte Katastrophe, die anderen eine unausweichliche Notwendigkeit. An ihren Folgen knabbert die ostdeutsche Wirtschaft noch heute.

"Kommt die D-Mark, bleiben wir. Kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr", skandieren Ende 1989 Demonstranten in der DDR. Tausende Menschen siedeln täglich von Ost nach West über. Immer lauter werden die Rufe nach der Währungsunion. Schließlich schlägt der Kanzler der Bundesrepublik, Helmut Kohl (CDU), Mitte Februar 1990 überraschend genau das vor. Schon am 18. Mai wird der Staatsvertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion feierlich unterzeichnet. Am 1. Juli tritt sie inKraft.

Stunden vor der Öffnung der Banken bilden sich davor lange Schlangen. Insgesamt werden 432 Milliarden Ost-Mark zu unterschiedlichen Kursen in West-Mark umgestellt. Löhne, Renten und Mieten werden 1:1 umgestellt. Sparguthaben mit Beträgen zwischen 2000 und 6000 Mark werden nach dem Alter der Sparer gestaffelt ebenfalls 1:1 umgetauscht, Beträge darüber hinaus im Ost-West-Verhältnis von 2:1. Auch Schulden der Betriebe werden 2:1 getauscht. Der Umtauschkurs war jedoch umstritten.

Der damalige SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine gab zu bedenken: "Die Mark ist nicht alles". Er prophezeite, die schnelle Einführung der D-Mark werde sich katastrophal für die DDR auswirken und zu "ungeheuren Kosten und sozialpolitischen Verwerfungen" führen. Auch Karl Otto Pöhl, damals Präsident der Deutschen Bundesbank, plädierte für einen anderen Umtauschkurs. 1991 trat er zurück, angeblich aus persönlichen Gründen. Der wahre Grund waren aber wohl Meinungsverschiedenheiten mit Kanzler Kohl.

"Politisch ging es nicht anders, ökonomisch war es eine Katastrophe", resümiert Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Das Grundproblem war, dass es über Nacht völlig andere Wechselkursbeziehungen gab. Und dem war die Wirtschaft der DDR völlig hilflos ausgeliefert und die Produktion musste massiv einbrechen." Der DDR-Osthandel brach ein.

"Wenn man so etwas noch einmal managen müsste, würde man ganz sicher einige Fehler vermeiden, die man damals in dieser unsicheren und beispiellosen Situation gemacht hat", sagt der Chefvolkswirt der Allianz, Michael Heise. Der Umtauschkurs sei ein politisch gewolltes "Begrüßungsgeschenk" für die DDR-Bürger gewesen. Der Kurs von 1:1 sollte die Einheit symbolisieren.

In den fünf Wochen nach der Währungsunion stiegen die Preise in der DDR um 30 Prozent. Nahrungsmittel verteuerten sich um rund 50 Prozent. Die DDR-Landwirtschaft blieb auf ihren Produkten sitzen – nur Westware war gefragt. "Ein Umtauschkurs von 1:3 oder 1:4 hätte den Prozess abgemildert, aber nicht ganz verhindert", sagt Heise. Der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) sagte zehn Jahre nach der Wiedervereinigung, es habe keinen Spielraum für Übergangslösungen gegeben.

Nach Ansicht des DIW hat die Währungsunion den Grundstein für die heutigen wirtschaftlichen Probleme der neuen Länder gelegt. Auch die Angleichung der Sozialsysteme sowie der Löhne ging für die DDR-Betriebe zu rasant. "Man ist der Produktivität mit den Löhnen meilenweit vorausgeeilt", sagt Heise. "Die berühmten blühenden Landschaften sind halt so schnell nicht gekommen, das war auch nicht zu erwarten."

Die ostdeutsche Wirtschaft hinkt im Vergleich zum Westen noch heute hinterher – gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt sie bei 70 Prozent des Niveaus der alten Länder. Die Produktivität im Osten liegt bei etwa 80 Prozent des Westens und die Arbeitslosigkeit ist doppelt so hoch. Immerhin: Nach der Wiedervereinigung konnten sich die Ostdeutschen über einen höheren Lebensstandard freuen.(dpa)