Von Christiane Oelrich

Aufstand, Anarchie, Bürgerkrieg – Horror Szenarien, die bis vor kurzem niemand in der modernen Metropole Bangkok für möglich gehalten hätte. Doch vor den Fünf-Sterne-Hotels und schicken Cafés kauern jetzt Soldaten mit Maschinengewehr im Anschlag. Wo Touristen und reiche Thais es sich vor kurzem noch gutgehen ließen, fliegen Brandbomben. Das beliebte Besucherziel von Millionen Asien-Touristen versinkt im Chaos.

"Das friedliche Thailand, das wir zu kennen glaubten, existiert nicht mehr", hieß es in der Zeitung "Bangkok Post". Der Image-Schaden ist immens, keiner wagt, sich den Verlust durch verprellte Investoren und Touristen auszumalen. Die thailändische Gesellschaft steckt in einer der schlimmsten Krisen seit Jahrzehnten.

Die Rothemden wollen eine Auflösung des Parlaments und Wahlen. Das hat die Regierung angeboten. Im November hätte neu gewählt werden sollen. Und trotzdem zog das oppositionelle UDD-Bündnis nach dem schon sicher geglaubten Kompromiss nicht ab. Für die "Bangkok Post", eine englischsprachige Zeitung für die Bangkoker Eliten, ist klar, wer dahinter steckt: Thaksin Shinawatra.

Der 2006 gestürzte Regierungschef feuert die Rothemden aus dem Exil an und finanziert sie. Er könne aber nicht sicher sein, in einem demokratischen Prozess zurück an die Macht zu kommen, schreibt die Zeitung.

"Einen friedlichen Kompromiss ablehnen, den demokratischen Prozess ausschlagen, dem Land weiter schaden, nur im Interesse eines Mannes: Das ist ein Aufstand!" heißt es da. "Wir stehen am Abgrund zur Anarchie, und das alles wegen des Stolzes, der Gier und Rachsucht eines Mannes – und der Unentschlossenheit, Unsicherheit und fehlenden Führungskraft eines anderen", schreibt die Zeitung mit Blick auf Ministerpräsident Abhisit Vejjajiva. "Dies ist ein Aufstand, schlagt ihn nieder, hurtig, hart und bestimmt", forderte die Zeitung.

Es besteht kaum Zweifel, dass unter den Rothemden militante Provokateure am Werk sind, deren Ziele im Finsteren liegen. Doch selbst ein radikaler Schlag gegen sie und den Rest der Demonstranten würde die Geister, die Thaksin und die Rothemden geweckt haben, nicht verschwinden lassen.

Denn gemäßigte Rothemden prangern auch soziale Ungerechtigkeit im Land an – ein Codewort für die alte Ordnung, in der alteingesessene Familien von Gnaden des Königshauses Macht und Reichtümer unter sich verteilen.

Die alte Ordnung machte auch das Ende der 2007 demokratisch gewählten Thaksin-freundlichen Regierung möglich: Das monarchietreue Militär, das die damals protestierenden Regierungsgegner gewähren ließ, dubiose Gerichtsurteile, und schließlich eine fragwürdige Machtverschiebung im Parlament brachten Abhisit an die Macht. Hätte König Bhumibol Adulyadej noch die alte Kraft, wäre das alles kein Thema. Der Monarch hat zwar nach dem Gesetz keine Macht, ist aber nach fast 64 Jahren auf dem Thron als moralische Autorität unumstritten. Zweimal rettete er sein Land in Krisen mit einem Machtwort der Vernunft.

Doch ist der 82-Jährige schwer krank, seine Tage sind gezählt. Der Sohn hat nichts von seiner Popularität geerbt - ein Zeitpunkt, an dem viele über die alte Ordnung nachdenken. Das geht in Thailand aber nur im Verborgenen. Jede Äußerung, die den leisesten Zweifel an voller Begeisterung für das Königshaus lässt, gilt als Majestätsbeleidigung und wird drakonisch bestraft.

Eine offene Debatte würde vielen der gemäßigten Rothemden Hoffnung geben. Doch Außenminister Kasit Piromya wagte einen Vorstoß in diese Richtung bislang nur im fernen Boston in den USA: "Wir müssen über die Institution der Monarchie reden, wie sie sich reformieren muss in einer modernen, globalisierten Welt", sagte er dort.(dpa)