Z: Magdeburg ZS: MD PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 22.02.2010 23:00:00


Von Steffen Honig

@Lauftext:Mit großem Tamtam wurde am 18. Februar dieses Jahres der Baustart für die deutsche Anlandestation der Gaspipeline zwischen Russland und Deutschland durch die Ostsee gegeben. Noch unter der Kanzlerschaft Gerhard Schröders eingerührt, soll die mehr als 1200 km lange Leitung von 2012 an jährlich bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas von Wyborg nach West- und Südeuropa liefern.

Gegen den Bau gab es jahrelang Widerstand: Ausgegrenzt fühlen sich Polen und die baltischen Länder, ausgenutzt die skandinavischen Ostsee-Anrainer. Während Schweden, Finnen oder Dänen Umweltgründe geltend machten, fühlten sich die EU-Neulinge in der russischen Nachbarschaft von Deutschland wenig partnerschaftlich behandelt. Altkanzler Schröder hat auch kein Hehl daraus gemacht, dass er das Projekt in Verantwortung allein für Deutschland vorangetrieben hat.

Abhängigkeit vergrößert

@Lauftext:Die Nordstream-Pipeline spricht den erklärten deutschen Bemühungen um eine Diversifizierung der Energieversorgung Hohn, da sie die einseitige Abhängigkeit von russischen Lieferungen nicht verringert, sondern noch vergrößert. Aber zwischen der russischen und deutschen Küste werden zügig Tatsachen geschaffen, mit denen sich auch die Ostseeanrainer abfinden müssen und werden.

Polen als der größte von der Nordstream-Leitung umgangene Staat beispielsweise behilft sich derweil mit verflüssigtem Erdgas (LNG), um seine Versorgung zu sichern und unabhängiger von russischen Lieferungen zu werden. Importiert wird der kostbare Rohstoff aus Norwegen und dem Golfstaat Katar. Das Erdgas gelangt per Tanker nach Polen. Zum Seetransport wird es verflüssigt und nahe dem Zielhafen wieder in den gasförmigen Zustand zurück-versetzt. Das Verfahren ist kostenintensiv, weswegen es bislang nicht den großen Durchbruch schaffte.

Das schreckt die polnischen Versorger jedoch nicht ab. Die Planungen sehen vor, von 2014 an jährlich 5 Milliarden Kubikmeter LNG über den neuen Erdgashafen bei Danzig (Gdansk) zu beziehen. Das wären rund 30 Prozent des polnischen Bedarfs – mit Steigerungsmöglichkeiten nach oben.

Die Lieferantenseite rüstet für diesen und noch wachsenden Bedarf. Katar muss nur die riesige Gasblase, auf der das Emirat sitzt, systematisch ausbeuten. Norwegen tut unterdessen alles, um die seit den 1970er Jahren laufende Öl- und Gasförderung in der Nordsee mit neuen Technologien zu intensivieren, damit die entsprechenden Felder im Meer bis zum letzten ausgeschöpft werden können.

Die Energiebeziehungen zwischen Norwegen und Polen könnten auf eine noch weit höhere Stufe gehoben werden. Wie der "Deutschlandfunk" berichtete, denken Norwegen, Dänermark, Schweden und Polen über den Bau einer eigenen Ostsee-Pipeline nach. Damit könnten die Gasfelder in der Nordsee direkt mit Polen und anderen Ländern Osteuropas verbunden werden. Allerdings krankt das Vorhaben noch an den fehlenden privaten Investoren.

Der norwegische Außenminister erklärte zu dieser neuen Pipeline-Idee, in keiner Zeitung werde man je lesen, "dass Norwegen seine Hähne zudreht, geschweige denn, dass die norwegische Regierung Lieferungen an dieses oder jenes Land aus politischen Gründen verweigert".

Schock im Winter

@Lauftext:Dieses klare Bekenntnis spielt auf die Gaskonflikte Russlands mit den Transitländern Ukraine und Weißrussland in den vergangenen Jahren an. Es war für Westeuropa ein Schock, dass zu Anfang des Vorjahres plötzlich ein längerer Öl- und Gasausfall drohte, weil die Russen im eskalierenden Preiskampf mit den Nachbarn kurz mal die Pipeline zudrehten. Mehr noch als in Moskau zunächst gedacht, nahm das Image Russlands als zuverlässiger Energielieferant Schaden.

So verwundert es nicht, dass die EU-Staaten versuchen, sich zu wappnen. Das Fatale nur – jeder versucht es letztlich auf seine Weise, Verbundnetze hin oder her. Die Kreuzung zweier Leitungen in der Ostsee, von denen eine Gas von Ost nach West und die andere den Rohstoff von West nach Ost befördert, ist jedenfalls eine Karikatur koordinierter europäischer Energiepolitik. Es werden Gelder und Ressourcen verschleudert, nur weil nationale Interessen auseinanderlaufen.

Ein weites Betätigungsfeld für den neuen EU-Energiekommissar Günther Oettinger. Er kann in seinem Amt beweisen, dass bei der Gleichung Energie plus Deutschland nicht Egoismus herauskommen muss.

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