Z: Magdeburg ZS: MD PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 21.02.2010 23:00:00
Von Lars Nicolaysen

Der Gesichtsausdruck gleicht einer japanischen Noh-Maske. Stets dasselbe Lächeln, der freundliche Blick aus schmalen Augen, die Haltung selbstbeherrscht und würdevoll – so kennen die Japaner ihren Kronprinzen Naruhito. Doch der Mann, der eines Tages seinem Vater Kaiser Akihito auf den Thron folgen wird, ist normaler und dem Volk näher als der äußere Eindruck vermuten lässt. Die menschliche Seite des Kronprinzen, der morgen 50 Jahre alt wird, bekommen allerdings meist nur die Menschen in seinem direkten Umfeld mit.

Wenn Japans Medien über den Kronprinzen berichten, dann geht es um die vielen Pflichtveranstaltungen, die er allein oder mit seiner Frau, Kronprinzessin Masako, absolviert. Aber ab und an bekommen die Bürger auch anderes zu lesen, wenn es nämlich um all die Ausflüge geht, die Naruhito mit seiner Frau und Töchterchen Aiko unternimmt. Dann wird die private, die menschliche Seite Naruhitos sichtbar, das Bild des fürsorglichen Familienvaters, der sein Töchterchen mit ins Baseballstadion nimmt, weil sich Aiko so sehr dafür interessiert.

Das Interesse des Volkes richtet sich jedoch vor allem auf Naruhitos Gattin Masako und ihren Gesundheitszustand. Die einst fröhliche Karriere-Diplomatin leidet seit Jahren unter einer "Anpassungsstörung", wie es offiziell heißt, die vom Stress ihres Amtes herrührt. Beobachter sehen dahinter vor allem den auf Masako lange Zeit lastenden Druck, einen männlichen Thronfolger zu gebären. Sie bekam zwar schließlich Tochter Aiko, doch die bisherige Handhabung des kaiserlichen Hofgesetzes verwehrt Frauen den Thron.

Kronprinz Naruhito hatte 2004 für Wirbel gesorgt, als er erklärte, es habe "Bestrebungen" am Hofe gegeben, die Karriere und Persönlichkeit seiner Gemahlin zu untergraben. Masako sei "erschöpft" vom jahrelangen Versuch, sich der kaiserlichen Familie anzupassen. Stets nimmt er seine Frau in Schutz, wirbt um Verständnis.

Konservative Kreise sind mit der Fürsorglichkeit des Thronfolgers nicht immer glücklich. Seine eigene "Familie ist das einzige Thema, worüber er mit Engagement spricht", sagte einmal Professor Takashi Mikuriya von der Tokio Universität im konservativen Polit-Magazin "Bungei Shunju". 2008 sorgte ein Hofbeamter für Wirbel, als er den Kronprinzen kritisierte, Aiko würde das Kaiserpaar zu selten sehen. Naruhito erwiderte laut Medien, er werde sich bemühen, das sei aber eine Privatangelegenheit und er werde sich nicht näher dazu äußern.

Laut Beobachtern setzt Naruhito die von seinen Eltern begründete Tradition, die eigenen Kinder selber zu erziehen, an seiner eigenen Tochter fort. Doch manche Konservativen stoßen sich an der Einstellung des Kronprinzen. Mit kritischem Unterton wird sie gelegentlich als "maihomushugi" (Das Prinzip ,My home‘ – Mein Zuhause) bezeichnet.

Als Naruhitos jüngerer Bruder Akishino und dessen Frau Prinzessin Kiko 2006 spät noch einen Sohn bekamen, Prinz Hisahito, und so das Thronfolgeproblem einstweilen selber lösten, wollten manche nicht an Zufall glauben. Just zuvor war eine Debatte im Entstehen, dass die Vorschrift des Hofgesetzes einer männlichen Thronfolge möglicherweise gegen die Gleichstellung der Geschlechter in der Verfassung verstößt.

Prompt kursierten Spekulationen, Prinz Akishino wollte verhindern, dass sein älterer Bruder und dessen Ehefrau den Hof reformieren. Der im vergangenen Herbst erfolgte Regierungswechsel könnte die alte Debatte um eine Änderung der Thronfolgeregelung durchaus wieder beflügeln. Dann könnte Naruhitos Tochter eines Tages doch Kaiserin werden – und der Kritik an Naruhito die Grundlage entziehen.(dpa)