Z: Magdeburg ZS: MD PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 10.02.2010 23:00:00
Von Laszlo Trankovits

Nelson Mandela hatte – wie Martin Luther King in den USA – einen Traum. Die Vision von der Gleichberechtigung und der Versöhnung der Rassen. "Wir werden eine Gesellschaft errichten, in der alle Südafrikaner, Schwarze und Weiße, aufrecht gehen können, ohne Angst in ihren Herzen, in der Gewissheit ihres unveräußerlichen Rechtes der Menschenwürde – eine Regenbogennation im Frieden mit sich selbst und mit der ganzen Welt."

Mit diesen Worten trat der südafrikanische Freiheitsheld am 10. Mai 1994 an, eine tief gespaltene Gesellschaft nach Jahren der rassistischen Apartheid-Politik und blutiger Unruhen zu einen und zu versöhnen.

Aber bis zur Verwirklichung dieses südafrikanischen Traumes ist es noch immer ein langer Weg. Denn noch plagt bittere Armut Millionen Südafrikaner, noch scheint der innere Frieden und die Stabilität der nur 16 Jahre alten Demokratie nicht gesichert.

Die Südafrikaner fühlen sich von der Außenwelt oft verkannt, gerade wenige Monate vor der Fußball-WM reagieren sie äußerst sensibel auf Kritik an ihrem Land. Tatsächlich hat Südafrika seit der Freilassung Mandelas aus dem Gefängnis am 11. Februar vor 20 Jahren einen beeindruckenden Weg zu einer funktionierenden Demokratie hinter sich gebracht. Mit Stolz verweisen Südafrikaner auf vier freie Wahlen, auf friedliche Wechsel an der Staatsspitze oder eine bis vor kurzem enorm boomende Wirtschaft. Millionen Touristen jedes Jahr zeugen von der Attraktivität des Reiselandes Südafrika. Alles spricht für eine blendend organisierte Fußball-WM 2010.

Zu der Realität der knapp 50 Millionen Menschen gehören aber auch riesige, schwarze Elendsviertel, die hohe Arbeitslosigkeit von rund 25 Prozent, ein miserabler Zustand der Schulen, eine sehr hohe Rate von HIV-Infizierten und eine erschreckend starke Kriminalität: Die Mordrate liegt dreißigmal so hoch wie in europäischen Staaten.

Korruption und Machtmissbrauch in Südafrika dominieren zwar im Unterschied zu vielen Ländern Afrikas nicht den Staatsapparat – aber alle wissen um Vetternwirtschaft, bestechliche Polizisten und korrupte Beamte. Auch Präsident Jacob Zuma stand lange Zeit selbst im Verdacht zahlreicher illegaler Taten – seit seinem Amtsantritt im Mai 2009 hat seine Regierung allerdings neue Maßnahmen im Kampf gegen die Korruption im Staat angestoßen.

Vor allem aber hat sich die Hoffnung Mandelas auf die Aussöhnung der Rassen kaum erfüllt. Weiße wie Schwarze klagen heute darüber, dass sie wegen ihrer Hautfarbe benachteiligt werden. "Südafrika ist noch immer eine traumatisierte Nation", meint die Ministerpräsidentin der Provinz Western Cape, Helen Zille. In Südafrika mit seinen rund 80 Prozent Schwarzen, neun Prozent Farbigen sowie elf Prozent Weißen begegnet man kaum gemischtrassigen Paaren – noch viel seltener als in den USA.

Über "Ökonomische Apartheid" (so die Zeitschrift "New African") klagen heute viele Schwarze, der Reichtum des Landes liege nach wie vor bei der weißen Oberschicht. "Südafrika hat heute die größte Ungleichheit (zwischen Reich und Arm) in der Welt", behauptet Prof. Haroon Bhorat von der Universität Kapstadt.

Der regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) versuchte mit einer Politik des "Black Economic Empowerment" schwarzes Unternehmertum zu fördern, eine neue schwarze Mittelschicht zu schaffen und die absolute Dominanz der Weißen in der Wirtschaft zu durchbrechen – allerdings mit wenig Erfolg. Auch ist die freie Marktwirtschaft in Südafrika trotz ihrer Erfolge nicht unumstritten. Die Linke im ANC – und natürlich auch die Kommunisten – fordern mehr staatliche Umverteilung sowie die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien, beispielsweise der Minen oder der Banken.

Weiße dagegen beschuldigen den ANC, gegen den Geist der Verfassung eine verdeckte Kaderpolitik zu betreiben, vor allem Schwarze in Staatsämter zu hieven und Weiße deutlich zu benachteiligen. Im ANC werden nach Zilles Worten die Kräfte immer stärker, die die "absolute Macht" in Staat und Gesellschaft anstrebten, die Unabhängigkeit der Justiz und die Pressefreiheit bedrohten.

"Bis zur Versöhnung ist es noch ein langer Weg", titelte die "Cape Times" jüngst. (dpa)