Beide Seiten im Saal des Logistikregiments 71 in Burg haben Ehrfurcht voreinander: Im Podium Afghanistans Botschafter Abdul Rahman Ashraf und vor ihm im Saal 150 Soldaten, von denen viele gerade beim Einsatz in und für Afgha- nistan ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben. Vielleicht berichtet der Diplomat am Dienstagnachmittag auch darum mit warmen Worten über fast 100 Jahre freundschaftliche Beziehungen zwischen Afghanistan und Deutschland. Und über die Hoffnung auf eine neue, gebildete Generation, die das Land zur Blüte führt.

Burkhard Lischka, Magdeburger SPD-Bundestagsabgeordneter, hatte Ashraf bei einem Besuch in Kabul kennengelernt und ins Burger Regiment eingeladen. Lischka setzt nüchterne Analyse gegen die optimistischen Botschaften des Diplomaten zur Gegenwart und Zukunft seiner Heimat.

Der SPD-Politiker erklärt, dass von den Ursprungszwecken des Afghanistan-Einsatzes – Ausmerzung der Al-Qaida, Vertreibung der Taliban und Schaffung einer Demokratie – nur ein "Minimalziel" übrig geblieben sei: die Übergabe der Verantwortung für die Sicherheit im Lande an afghanische Armee und Polizei, und zwar bis 2014.

Nun wird auch der Botschafter deutlicher: "Wir haben 2001 bei unter null begonnen." Es sei ein Fehler zu vergessen, dass Afghanistan eine andere Kultur habe, auch westliche Demokratien hätten sich über Jahrhunderte und nicht in ein paar Jahren entwickelt. Unter den Taliban, die keine homogene Organisation darstellten, gebe es solche, mit denen man reden könne, aber daneben eben junge Leute, die "von der anderen Seite der Grenze für 250 Dollar und mit einer Kalaschnikow" in den Kampf geschickt würden – nach einer Gehirnwäsche und unter Drogen.

Die deutschen Soldaten in Afghanistan können allerdings schwer unterscheiden, mit wem sie es in ihrem Einsatzgebiet im Norden des Landes gerade zu tun haben. Unisono schildern die Offiziere im Podium, einige gerade aus dem viermonatigen Einsatz am Hindukusch zurück, dass sich die Sicherheitslage seit Mitte des Jahrzehnts klar verschlechtert habe.

Bataillonskommandeur Thilo Santüns, bisher zweimal in Afghanistan, berichtet über die Unterschiede: "In Kabul hatten wir 2003 noch engen Kontakt zur Bevölkerung, jetzt kann man sich nicht mal mehr mit einem einzelnen Kraftfahrzeug bewegen." Die Bevölkerung sei zu 99 Prozent friedlich, aber das eine Prozent Extremisten würde "alles kaputtmachen".

Hauptmann Andreas Ullrich schildert die unmittelbare Bedrohung, die "draußen", außerhalb des Bundeswehrcamps, die er und seine Soldaten jüngst erlebt haben: Die Burger hatten am 18. Februar den Außenposten "OP North" gerade verlassen, als ein afghanischer Partner-Soldat dort das Feuer auf die Deutschen eröffnete. Drei Soldaten fanden bei diesem schwersten Anschlag der vergangenen Wochen auf die Bundeswehr den Tod. Ullrich sagt, noch immer bewegt: "Wir haben einfach Glück gehabt."

Um mit solchen Grenzsituationen fertig zu werden, leisten Bundeswehr-Psychologen Ersthilfe vor Ort. Langzeitfolgen können sich aber in sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörungen niederschlagen. Diese würden in der Bundeswehr nicht tabuisiert, erklärt Oberst Michael Matz, bis Mitte 2010 Chef der schnellen deutschen Eingreiftruppe in Afghanistan. "Uns bereiten aber diejenigen Sorge, die nach dem Einsatz aus der Bundeswehr ausscheiden."

SPD-Politiker Lischka kennt diese Nöte: "Die Politik hat dafür leider nur allgemeines Bedauern übrig." Obwohl er keinen Hehl daraus macht, dass er den Afghanistan-Einsatz kritisch sieht, versichert Lischka, assistiert von seiner SPD-Parlamentskollegin Waltraud Wolff den Soldaten: "Solange Sie dort auf Bundestagsbeschluss im Dienst sind, brauchen Sie Unterstützung." Stabilität könne auf Dauer aber nur der afghanische Staat gewährleisten.

Diplomat Ashraf sieht das genauso: "Wir wissen, dass wir Afghanen selbst für die Sicherheit sorgen müssen." Dafür werden mit deutscher Hilfe im Schnelldurchgang Polizisten und Soldaten ausgebildet. Angepeilt ist eine Gesamtstärke von 300000 Mann.

Doch appelliert der Botschafter an die Deutschen, auch nach einem Truppenabzug im Land präsent zu bleiben: "Sonst werden wir von den Nachbarn geschluckt."