Das Ökoenergie-Unternehmen Prokon hat ernste Schwierigkeiten. Mehr als 75.000 Kleinanleger müssen um ihre Einlagen fürchten. Es geht um über eine Milliarde Euro. Die Volksstimme beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie ist die aktuelle Lage bei Prokon?


Bis Dienstag haben Anleger Genussrechte in Höhe von 202,4 Millionen Euro gekündigt. Eingesammelt hatte Prokon knapp 1,4 Milliarden Euro. Das Unternehmen fordert seine insgesamt 750.000 Anleger auf, kein Kapital abzuziehen und Kündigungen rückgängig zu machen. Prokon hatte seine Geldgeber bereits im Dezember aufgefordert, die Zinsen für das zweite Halbjahr 2013 zur Entspannung der Liquiditätslage im Unternehmen zu belassen. Jetzt warnt Prokon vor der eigenen Insolvenz. Diese lasse sich nur beim Erhalt von mindestens 95 Prozent des Genussrechtskapitals verhindern. Fünf Prozent von 1,4 Milliarden Euro wären 70 Millionen Euro. Diese Summe ist bereits weit überschritten.

Was sind Genussrechte?


Man gibt einem Unternehmen Geld und ist damit am Firmengewinn beteiligt. Die Anleger gehen damit aber auch ein hohes Risiko ein. Denn wenn es dem Unternehmen schlecht geht, können sie viel oder alles verlieren. Im Fall einer Insolvenz kommen erst andere Gläubiger zum Zug, beispielsweise Krankenkassen und Banken.

Was ist das Problem für Prokon?


Prokon finanziert langfristige Investitionsgüter wie Windparks mit kurzfristigen Kapitalinstrumenten, zu denen eben die Genussrechte gehören. Wenn sich viele Anleger wie in diesen Tagen von ihren Papieren trennen, fehlen flüssige Mittel, um laufende Kosten zu schultern.

Was verspricht Prokon?

Prokon wirbt mit einer hochverzinsten Anlage in ökologische Projekte. Als Rendite werden zwischen sechs und acht Prozent versprochen. Angesichts der Minizinsen beispielsweise auf dem Sparbuch ist das eine unternehmerische Herausforderung.

Was raten Verbraucherschützer?


Wer kein großes Vermögen hat und finanzielle Verluste nicht verkraften kann, sollte in erster Linie auf sichere Produkte setzen. Solche Angebote bietet der freie Kapitalmarkt eher nicht. Sichere Produkte gehen zwar mit einem niedrigen Ertrag einher. Das ist aber besser als ein hoher Verlust im Fall von Produkten mit sehr hohem Risiko.

Hat Prokon jemals geliefert?

Zumindest bis 2013 zahlte Prokon zuverlässig. Jetzt bittet Prokon die Anleger, stillzuhalten. Reicht etwa der Gewinn nicht mehr aus, um die Zinsen zahlen zu können? Dann würde Prokon von der Substanz leben. Es gibt aber auch einen anderen, sehr schweren Verdacht. Dieser lautet, dass Prokon die Zinsen nicht aus Gewinnen zahlt, sondern aus dem Geld neuer Anleger. Hier macht das Wort vom Schneeballsystem die Runde. Dies wäre illegal.

Was sagt Prokon dazu?

So gut wie gar nichts. Das Unternehmen sieht sich als Opfer von Medien und Verbraucherschützern. Aufgrund "der seit Monaten andauernden Kampagne" gegen das Geschäftsmodell von Prokon hätten zahlreiche Anleger aus Angst vor einem Verlust ihres angelegten Geldes ihre Genussrechte gekündigt, klagt das Unternehmen. Prokon argumentiert, dass Anfangsverluste in der Investitionsphase normal seien und Gewinne später fließen würden. Das Geld der Anleger sei sicher, weil es in konkrete Sachwerte wie Windkraftanlagen geflossen sei.

Hat Prokon schon Ärger?

Kann man so sagen. Die Staatsanwaltschaft Lübeck prüft nach eigenen Angaben aufgrund von zwei Anzeigen, ob ein Anfangsverdacht auf Betrug und weitere Delikte vorliegen. Die Anzeigen gegen die Verantwortlichen von Prokon liegen bereits seit mehreren Wochen vor.

Wer ist überhaupt Prokon?

Das Unternehmen wurde 1995 von Carsten Rodbertus gegründet. Prokon - der Name steht für PROjekte und KONzepte - investiert in erneuerbare Energien: in Windenergie, Biokraftstoffe, Biomasse. Unter anderem floss Geld in 50 Windparks in Deutschland und Polen. Prokon liefert auch Strom.

WelcheEckdaten gibt es noch?

Mitarbeiter: 1306 - davon fast 500 in der Zentrale in Itzehoe in Schleswig-Holstein. Darüber hinaus gibt es 314 Windparks, 75115 Genussrechtsinhaber, knapp 1,4 Milliarden Euro Genussrechtskapital. Gezahlte Zinsen: 300,4 Millionen Euro (bis 31. Oktober 2013), Verlust: 209,9 Millionen Euro (bis 31. Oktober 2013)

Ist Prokon auch in Sachsen-Anhalt aktiv?

Ja. Hier gehört dem Unternehmen das Bio-Ölwerk in Magdeburg mit rund 140 Beschäftigten. Es firmiert unter Prokon Pflanzenöl GmbH.

Was wird dort produziert?

Das Ölwerk verarbeitet pro Tag rund 2000 Tonnen Raps. Die Jahreskapazität liegt bei 700.000 Tonnen Raps. Daraus werden rund 233.000 Tonnen Öl gewonnen, unter anderem für Biodiesel. Die Reste aus der Ölgewinnung werden zu Tierfutter weiterverarbeitet. Das Unternehmen ist einer der größten Pflanzenölproduzenten in Deutschland.

Wie ist dort die Lage?

Die Produktion läuft normal weiter, heißt es aus der Geschäftsführung. Das Werk sei zurzeit auch nicht auf Finanzhilfen von Prokon angewiesen. Man stehe auf eigenen Füßen.

Hat Prokon auch in Sachsen-Anhalt in Windkraft investiert?

Ja. Insgesamt geht es um 24 Windparks (siehe Grafik).

Was passiert mit den Windparks, wenn es zur Insolvenz von Prokon kommt?

Zunächst: Ob und wann es zu einer Insolvenz kommt, kann nicht seriös vorhergesagt werden. Sicher ist: Die Windräder würden sich weiterdrehen. Sie würden möglicherweise verkauft und der Gewinn unter den Gläubigern verteilt werden. Fraglich aber ist, ob bei einem Notverkauf ein Marktpreis erzielt werden kann. Eine andere Variante wäre, dass sich Banken finden, die die Windparks weiter finanzieren.

Welche Form der Insolvenz käme in Betracht?


Prokon selbst schließt eine Planinsolvenz nicht aus. In diesem Spezialfall würde die alte Geschäftsführung im Amt bleiben, der Insolvenzverwalter tritt nur beratend auf. Die Planinsolvenz wird in der Regel von einem Sanierer begleitet.

Was sollten Anleger tun?


Darüber streiten sich die Geister. Mann könnte die Genussrechte kündigen. Dann gibt es eventuell eine Chance, sein Geld zurückzubekommen. Mit der zunehmenden Zahl von Kündigungen wächst aber die Gefahr einer Insolvenz. Dann würden alle oder zumindest ein großer Teil leer ausgehen.

Was würde eine Insolvenz für die Inhaber von Genussrechten bedeuten?

Wie schon gesagt, sie kommen erst spät zum Zug. Zunächst werden andere Gläubiger befriedigt - beispielsweise Beschäftigte und Lieferanten. Erst wenn dann noch Geld übrigbleibt, können Inhaber von Genussrechten mit Zahlungen rechnen.

 

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