Magdeburg l Die Umstellung auf erneuerbare Energien verlangt den Ausbau des deutschen Stromnetzes. Eine Software aus Magdeburg erleichtert die Planung der neuen Trassen und soll bei der Bevölkerung für Akzeptanz sorgen. Letzteres funktioniert bisher nur unzureichend - immer mehr Bürger protestieren gegen die Energiewende.

Schnell und leicht gleitet er durch die Luft. Über Häuser und Felder, vorbei an Bäumen und Strommasten - so muss sich ein Vogel fühlen. Doch Andreas Höpfner ist kein Vogel. Er ist Wissenschaftler am Fraunhofer in Magdeburg - und nimmt die Vogelperspektive am Computer ein.

Auf dem Bildschirm vor ihm liegt der Ort Schalkau. An der thüringischen Stadt soll in den nächsten Jahren eine 450 Kilometer lange Stromautobahn vorbeiführen: Von Bad Lauchstädt in Sachsen-Anhalt bis ins bayerische Meitingen.

In vier Jahrzehnten wird 80 Prozent des Stroms in Deutschland aus Wind-, Wasser- und Solarenergie gewonnen werden. Der Großteil davon wird im Norden produziert, viele energieintensive Unternehmen sitzen jedoch im Süden. Um den "sauberen" Strom dorthin zu transportieren, sollen 3800 Kilometer neue Stromtrassen quer durch Deutschland gebaut werden.

Während die Strecke nach Bayern in Sachsen-Anhalt schon fertig ist, läuft in Süd-thüringen noch das Planfeststellungsverfahren. Wo genau die Trasse um Schalkau verlaufen wird, ist bisher also nicht entschieden. Klar ist aber: Für die Menschen, die in der Nähe der 70 Meter hohen Strommasten wohnen werden, ist die Energiewende ein Eingriff in ihr Lebensumfeld.

"Die Vorstellungen von `Monster-Masten` sind falsch. Wir wollen ein realistisches Bild vermitteln." - Dirk Manthey, 50Hertz

Das sorgt schon jetzt für heftige Diskussionen: Einwohner fürchten um ihre tolle Sicht auf den Thüringer Wald, Umweltverbände mahnen vor Eingriffen in die Natur, Gesundheitsexperten warnen vor den Folgen durch die elektromagnetische Strahlung. Gleichzeitig wollen Netzbetreiber und Politik einen schnellen und wirtschaftlichen Ausbau - eine Interessenmischung mit reichlich Konfliktpotential.

In Schalkau macht bereits eine Bürgerinitiative gegen den Bau mobil. Auch in Bayern proben immer mehr Menschen den Aufstand. Viele Bürger wollen sich dagegen wehren, dass die Energiewende direkt vor ihrer Haustür stattfindet.

Das Fraunhofer-Institut hat ein Programm entwickelt, das in diesem Prozess für mehr Verständigung sorgen soll. Die Software simuliert den Verlauf von Stromtrassen. "Früher gab es Karten und Modelle zur Veranschaulichung. Aber da konnte sich keiner wirklich vorstellen, wie die Trasse in der Landschaft später aussieht", sagt Andreas Höpfner. "Wir haben nun die Möglichkeit, alles maßstabsgetreu abzubilden: Geologie, Vegetation, Gebäude, Strommasten, Leitungen - alles lässt sich exakt darstellen und analysieren."

Mit wenigen Klicks kann der Wissenschaftler zu jedem Haus in Schalkau springen und schauen, ob die Stromtrasse zu sehen ist. Exakt 939 Meter ist der höchste Strommast derzeit vom ersten Haus im Ort entfernt. Die Netzbetreiber haben die Möglichkeit, den idealen Verlauf für die Trasse zu bestimmen. "Man kann nicht nur die Höhe, Abstand oder Farben der Strommasten und Leitungen verändern. Man kann auch herausfinden, wie die Natur am wenigsten beeinträchtigt wird. Jedes Detail ist simulierbar", erklärt Höpfner.

In Auftrag gegeben wurde die Software von 50Hertz - dem Unternehmen, das die Stromautobahn von Lauchstädt bis an die bayerische Grenze baut. Die Netzbetreiber haben in den vergangenen Jahren erkannt: Ohne die Akzeptanz der Bürger ist die Energiewende nicht zu schaffen. Die von der Politik geschaffene gesetzliche Grundlage allein reicht nicht aus.

"Wir wollen den Bürgern ein realistisches Bild von den neuen Trassen vermitteln. Die Vorstellungen von `Monster-Masten` sind falsch", erklärt Dirk Manthey von 50Hertz. Frühzeitige Einbeziehung und Informationen statt vollendete Tatsachen - das ist das Motto. "Jahrelange Proteste wie bei `Stuttgart21` oder der Dresdner Waldschlösschenbrücke wollen wir verhindern. Transparenz ist das Einzige, was hilft, das Misstrauen der Menschen gegenüber der Energiewende abzubauen."

"Das Projekt wird nicht schöner, nur weil man es sich jetzt besser anschauen kann." - Margit Heinz, Bürgerinitiative

Gegenwind hat das Unternehmen in den vergangenen Jahren reichlich erfahren. "Auf Infoveranstaltungen wird kaum miteinander geredet. Wir werden von vielen Bürgern eher angeschrien", kritisiert Manthey. Die Vorführung der Simulation soll die Kommunikation erleichtern. 50Hertz sagt, man habe mit dem Schalkau-Pilotprojekt "gute Erfahrungen" gemacht. Die Kooperation mit dem Fraunhofer soll deshalb ausgebaut werden.

Die Betroffenen selbst sehen in dem Programm jedoch kaum einen Vorteil. "Die Trasse wird nicht schöner, nur weil man sie sich jetzt besser anschauen kann", sagt Margit Heinz von der Bürgerinitiative Schalkau. "Das Unternehmen hat ein Ziel: Es will den kürzesten Weg von A nach B. Unsere Vorschläge werden gar nicht simuliert. Es wird immer nur gesagt: `Der Bau ist notwendig.` Das führt nicht zu mehr Akzeptanz."

50Hertz weist das zurück. "Das ist Unsinn. Die Bürgerinitiative ist gänzlich gegen das Projekt. Da kann es gar keine Kompromisslinie geben", sagt Manthey. "Leider kann auch die Simulation die Unkenntnis über Planungsnotwendigkeiten nicht aufheben. An bestimmte bodentechnische und physikalische Werte muss man sich halten, auch wenn noch so sehr ein anderer Trassenverlauf gewünscht wird."

Auf "umsetzbare" Anregungen will das Unternehmen in Zukunft jedoch eingehen. Dirk Manthey verspricht: "Wir verrücken gern einen Strommasten um zehn Meter, wenn ein Landwirt dadurch besser mit seinen Maschinen vorbeikommt."

 

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