Die Bahn zieht den Ärger förmlich an: Genervte Kunden, massive Technikprobleme und jetzt streiten Bund und Länder auch noch ums Geld. Dabei hat Bahnchef Grube 2011 zum "Jahr der Umsetzung" ausgerufen, damit Verbesserungen bei den Kunden auch ankommen.

Berlin (dpa). Bahnchef Rüdiger Grube muss heute gleich zweimal in Berlin zum Rapport antreten. Die im Bundesratsgebäude tagenden Verkehrsminister von Bund und Ländern wollen wissen, wie das Staatsunternehmen angesichts des Winterchaos vor allem im Fernverkehr seine Technikprobleme in den Griff bekommen will.

Schon eine Stunde vorher, gleich nebenan im Berliner Abgeordnetenhaus, soll Grube dem Verkehrsausschuss erklären, wie es weiter geht mit dem Sorgenkind Berliner S-Bahn.

Der Bahnchef weiß, dass es für ihn ungemütlich werden könnte und übt sich bereits in Selbstkritik: "Wir haben uns zwar deutlich besser als im Vorjahr auf den Winter vorbereitet. Es gibt aber nichts schönzureden", sagte der oberste Eisenbahner der "Bild am Sonntag". "Wir müssen noch besser werden."

Dabei bringt allein schon der Kalender der Bahn auch im neuen Jahr zwei große Bewährungsproben: den Hochsommer und den Winter. Technikprobleme bei Hitze und Schnee, wie sie etliche Züge 2010 ausbremsten, sollen in diesem Jahr nicht wieder flächendeckend Ärger hochkochen lassen. Eine Reihe millionenschwerer Investitionen in Zuverlässigkeit und Service hat der bundeseigene Konzern schon in die Wege geleitet. Jetzt sollen die zusehends genervten Fahrgäste in den Regionalzügen und ICE, auch endlich spüren, dass es besser wird. "Kunde, Kunde, nochmals Kunde", gibt Grube als Jahreslosung aus.

"Wenn wir es 2011 gut machen, dann bieten wir unseren Kunden eine Dienstleistung in der versprochenen Qualität", schrieb der 59-Jährige gerade seinen 291000 Beschäftigten. "Sehr gut machen wir es, wenn unsere Kunden begeistert sind!" Davon dürfte es nicht allzu viele gegeben haben, als rund um die Weihnachtstage schon wieder Tausende Reisende festsaßen, zu spät ankamen oder wartend am Bahnsteig froren.

Bereits im Herbst präsentierte Grube ein Fünf-Jahres-Programm mit 330 Millionen Euro Investitionen, versprach mehr Personal, neue Technik und klarere Informationen bei Störungen. "2011 wird mehr denn je das Jahr der Umsetzung", formulierte der Bahnchef und fordert dafür im Konzern einen Kraftakt ein. Doch prompt kam ein erster Tiefschlag: Die S-Bahn Berlin, schon länger ein Sorgenkind, musste ihr ohnehin dezimiertes Angebot zum ersten Werktag des Jahres wegen Winterproblemen nochmals empfindlich ausdünnen und koppelte einige Randbezirke vorübergehend sogar ganz vom S-Bahn-Netz ab – zur hellen Empörung tausender Pendler.

Die Bahn will nun ihr ramponiertes Image aufbessern – im komplizierten Schienensystem dauert jedoch manches länger. So wurden mittlerweile mehr als 230 Weichenheizungen nachgerüstet. Bis alle vorgesehenen 700 fertig sind, dauert es aber wohl bis Jahresende. Erst dann erwarten die Planer auch 15 fabrikneue ICE 3 für den internationalen Verkehr, die bei Bedarf als Verstärkung im Inland dienen können. Denn eine Schwachstelle bleibt, dass wegen häufigerer Achs-Prüfungen rund zwei Dutzend ICE – zehn Prozent der Flotte – nicht normal einsetzbar sind. Nach Meinung von Bahnkritikern aber legten nach dem Hitzekollaps in ICE-Zügen Eis und Schnee erneut offen, was der Spardruck im Zuge des immer noch geplanten Börsengangs auslöst.

Nun birgt ein Vorstoß mehrerer Länderminister Brisanz, weniger für Grube als für die schwarz-gelbe Bundesregierung. Ihr 80-Milliarden-Sparpaket könnte ein wenig zerbröseln. Denn im "Zukunftspaket" von Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) steht von 2011 bis 2014 auch für jedes Jahr als Posten "500 Millionen Euro Bahndividende".

Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg fordern in einem Antrag an die Verkehrsministerkonferenz, auf die Ausschüttung zu verzichten und das Geld der Bahn für Investitionen zur besseren Reaktion auf die Wetterkapriolen zu überlassen. Das Finanzministerium allerdings stellt klar, die Zahlung sei fest im Haushalt eingeplant. Die Länder fordern ein Einschreiten des Bundes als Eigentümer und eine bessere Vorsorge – also mehr Geld für Gleise, Weichen, Züge und Werkstätten.