Wiesbaden (dpa) l Der private Konsum ist zur wichtigen Stütze des deutschen Wirtschaftsaufschwungs geworden. Niedrige Zinsen, sichere Jobs und nicht zuletzt höhere Gehälter haben die Deutschen dazu gebracht, ihr Geld auszugeben und das Land zum einsamen Wachstumsmeister in Europa zu machen. Die aktuellen Tarifabschlüsse deuten darauf hin, dass die Entwicklung einstweilen so weiter geht. Im laufenden Jahr wird parallel zum Wirtschaftswachstum der höchste Reallohnzuwachs seit 2010 erwartet.

Vor dem Hintergrund der derzeitigen geopolitischen Unsicherheiten und der Sorge um eine Konjunkturabkühlung in den Schwellenländern sei es erfreulich, dass der Aufschwung in Deutschland von der Binnennachfrage getragen werde, sagt Volkswirt Stefan Kipar von der BayernLB. "Die deutsche Konjunktur ist somit weniger anfällig auf außenwirtschaftliche Risiken."

Die jüngsten Tarifabschlüsse weisen meist eine Drei vor dem Komma auf, wie die Aufstellung des Statistischen Bundesamtes von diesem Freitag zeigt. Allerdings sind dabei nicht die Auswirkungen der verschiedenen tarifpolitischen Instrumente berücksichtigt, die die aufs Jahr gerechneten Entgeltsteigerungen noch schmälern können. Die schlichteste ist dabei die Laufzeit: Drei Prozent auf ein Jahr sind wesentlich mehr als drei Prozent auf zwei Jahre. Im ersten Fall kann bereits nach zwölf Monaten die nächste Lohnerhöhung greifen, beispielsweise erneut um drei Prozent.

Tarifverträge mit Durchschnitts-Laufzeit von 23 Monaten


Im Repertoire der Tarifpartner stecken zusätzlich noch Nullmonate, Einmalzahlungen, mögliche Verschiebungen bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten einzelner Unternehmen oder auch mehrere, möglicherweise unterschiedlich lange Tarifstufen. Nach Auswertungen des gewerkschaftlichen WSI-Tarifarchivs hatten deutsche Tarifverträge im vergangenen Jahr eine durchschnittliche Laufzeit von knapp 23 Monaten. Die aufs Jahr bezogene Berechnung ist eine zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern höchst umstrittene Kunst, auch weil sie die Abschlüsse ihren jeweiligen Mitgliedern gegenüber als hart errungenen Kompromiss verkaufen müssen.

Die IG BCE hatte im Februar dieses Jahres für die rund 550000 Chemie-Beschäftigten einen kräftigen Pflock eingeschlagen. In dem Abschluss über 14 Monate steckten Nullmonat und Verschiebemöglichkeit für schwache Unternehmen. Die mittelfristige reale Belastung der Unternehmen - oder umgekehrt das Plus in den Taschen der Arbeitnehmer - liegt ohne Berücksichtigung der flexiblen Elemente bei etwa 3,2 Prozent pro Jahr und damit weit über der für Deutschland für 2014 erwarteten Inflationsrate von etwa 1,4 Prozent.

Im vergangenen Jahr hatten die deutschen Tarifbeschäftigten bei einer Inflation von 1,5 Prozent im Schnitt 2,4 Prozent brutto mehr auf dem Gehaltszettel als zuvor. Der reale Einkommenszuwachs war keineswegs selbstverständlich, wie ein Blick auf die gesamte Arbeitnehmerschaft zeigt: Die Reallöhne, die auch Boni und nicht-tarifliche Gehälter beinhalten, sind 2013 erstmals seit dem Krisenjahr 2009 wieder gesunken, wenn auch nur um 0,2 Prozent.

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