Branchen mit starkem Azubi-Mangel

Statistisch kommen auf einen Bewerber in folgenden Berufssparten gleich mehrere offene Lehrstellen:

Handel/Vertrieb/Tourismus
Verkauf von Lebensmitteln: 7 freie Stellen
Hotellerie: 5
Gastronomie: 5
Handel: 4

Produktion/Fertigung
Papier- und Verpackungstechnik: 9
Behandlung von Metalloberflächen: 7
Feinwerk- und Werkzeugtechnik: 7
Drucktechnik: 3
Energietechnik: 3
Technisches Zeichnen, Konstruktionen: 3
Mechatronik und Automatisierungstechnik: 2

Bau/Architektur/Vermessung
Klempnerei, Sanitär, Heizungen, Klimatechnik: 5
Bodenverlegung: 4

Unternehmen
Personalwesen: 4
Versicherungs- und Finanzdienstleistungen: 3
Steuerberatung: 2

Ausbildungen mit langfristigen Zukunftschancen

Die Arbeitsagentur empfiehlt u.a. folgende Ausbildungen:

Metall- und Elektrobranche
Industriemechaniker
Fertigungsmechaniker
Konstruktionsmechaniker
Mechatroniker
Zerspanungsmechaniker
Industrieelektriker
Elektroniker

Baugewerbe
Klempner/Anlagenmechaniker
Hoch- und Tiefbauer
Tischler/Zimmerer

Chemieindustrie

Chemikant
Chemielaborant
Verfahrenstechniker
Finanzdienstleistungen
Versicherungskaufmann
Steuerfachangestellte
Buchhalter

Gesundheitswesen
Altenpfleger
Krankenpfleger
Medizinischer Fachangestellter

Ernährung
Lebensmitteltechniker
Bäcker und Fleischer

Magdeburg l Lisanne Henning kann sich nicht vorstellen, täglich im Büro an einem Schreibtisch zu sitzen. "Ich wollte schon immer lieber etwas machen, wo ich zupacken kann", erzählt die 19-Jährige. Sie hat sich deshalb für eine Ausbildung zur Zerspanungsmechanikerin entschieden - und bereut das keineswegs. An diesem Vormittag programmiert Henning zusammen mit ihren Kollegen eine Drehmaschine - es ist Arbeit mit Hochtechnologie.

Mit Blick auf den Stellenmarkt in Sachsen-Anhalt stellt Lisanne Henning eine Ausnahme dar, denn nur wenige junge Menschen interessieren sich heute noch für Technik-Jobs. Und unter ihnen sind Frauen besonders rar. Nach Zahlen der Arbeitsagentur in Halle kommen auf 1900 freie Stellen in Produktions- und Fertigungsberufen nur 1200 Bewerber. Landesweit über alle Berufsbilder hinweg gibt es für mehr als 5300 unbesetzte Lehrstellen nur 4800 Bewerber.

Die Azubi-Flaute spürt auch das Technologie- und Berufsbildungszentrum (TBZ) in Magdeburg, wo Lisanne Henning derzeit ihre Ausbildung im dritten Lehrjahr macht. "Wir haben noch 60 offene Plätze", berichtet Fachbereichsleiter Olaf Hildebrecht. Pro Jahr bildet das TBZ gewöhnlich um die 160 Jugendliche aus.

Vorurteile von Eltern und Lehrern

Das geringe Interesse an Technik-Jobs erklärt sich Hildebrecht mit Vorurteilen, die Eltern und Lehrer hegen würden. "Viele glauben, Mechaniker arbeiten in dunklen Fabriken und tragen ölige Kleidung." Dabei hätten sich die Umstände gewandelt. "Mechaniker müssen sich heute mit Computer-Technik beschäftigen, arbeiten in hellen, hochgerüsteten Werkstätten."

Das mangelnde Interesse an Technik-Jobs führt Burghard Grupe, Geschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg, auch auf unzureichende Berufsorientierung zurück. Er sieht dabei die Betriebe in der Pflicht: "Die Firmen müssen viel stärker auf Schulen zugehen, jungen Menschen Praktika anbieten." Nur so könnten Schüler erfahren, dass etwa ein Bäcker nicht nur damit beschäftigt ist, Mehlsäcke zu schleppen. Auch müssten Firmen über Karrierechancen aufklären: "Wer motiviert ist, kann im Metallbau als Lehrling anfangen, sich zum Meister hocharbeiten und später Unternehmer werden", sagt Grupe. "Wer sich stattdessen etwa für einen Beamten-Job entscheidet, wird viel länger brauchen, bis er die Karriere-Leiter hinaufklettert und mehr Geld verdient."

Aus den Statistiken der Arbeitsagentur geht hervor, dass sich vor allem Frauen oft für Berufe mit begrenzten Karrierechancen interessieren. Viele von ihnen bewerben sich etwa für eine Ausbildung zur Friseurin oder Verkäuferin. Bei Männern ist das Interesse für Technikberufe traditionell etwas größer. "Wir wollen dem Nachwuchs keine Berufe diktieren. Der Blick auf berufliche Entwicklungs- und Verdienstmöglichkeiten sollte aber bereits bei der Berufswahl berücksichtigt werden", sagt Arbeitsagentur-Chef Kay Senius.

Wer noch eine Ausbildung sucht, kann sich im Internet informieren. Unter www.hwk-magdeburg.de bietet die Handwerkskammer eine Lehrstellenbörse. 360 freie Stellen sind dort derzeit zu finden.

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