Bauindustrie in Sachsen-Anhalt
In Sachsen-Anhalt arbeiten etwa 30000 Beschäftigte in den 2900 Unternehmen der Baubranche. Die Struktur ist kleinteilig. Rund 70 Prozent der Betriebe haben weniger als zehn Mitarbeiter. 2013 erwirtschaftete die Branche einen Umsatz von 3,1 Milliarden Euro.

Der Bauindustrieverband Sachsen-Anhalt und Sachsen vertritt seit 2006 etwa 150 Mitgliedsunternehmen mit rund 10000 Beschäftigten. Seit Juni ist Wolfgang Finck neuer Präsident des Verbandes.

Der Bauunternehmer aus Thale (Landkreis Harz) ist Geschäftsführender Gesellschafter der RST Ingenieurbau GmbH. Als Schwerpunkte seiner Präsidentschaft sieht der 64-Jährige die Nachwuchssicherung in den Unternehmen sowie die Modernisierung der Produktionsverfahren. Der bisherige Verbandspräsident Bernd Busse hatte sein Amt nach insgesamt fünf Jahren aus Altersgründen zur Verfügung gestellt.

Das Ende des Aufschwungs kommt auch bei den Baufirmen an. Der Bauindustrieverband Sachsen-Anhalt rechnet mit weniger Bauaufträgen. Volksstimme-Reporter Dominik Bath sprach mit Verbandspräsident Wolfgang Finck (64) über Folgen für die Bauunternehmen, Nachwuchssorgen und das schlechte Image der Branche.

Volksstimme: Herr Finck, in den ersten acht Monaten des Jahres haben Bauunternehmen in Sachsen-Anhalt fast zwei Milliarden Euro erwirtschaftet. Ein Plus von fast zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Warum blicken Sie nicht optimistischer in die Zukunft?
Wolfgang Finck:
Viele Aufträge sind schon im ersten Halbjahr abgearbeitet worden. Durch die milden Temperaturen konnten viele Betriebe auch in den Wintermonaten ihre Arbeiten ausführen. Das war erfreulich, aber derzeit kommen nur wenig neue Aufträge herein.

Was bedeutet das für die Bauunternehmen in Sachsen-Anhalt?
Wir befinden uns in einer kritischen Phase und müssen aufpassen. Unsere Unternehmen werden in den kommenden Monaten vorsichtiger sein. Es wird weniger große Investitionen geben und weniger Neueinstellungen. In das neue Jahr gehen wir mit etwas weniger Euphorie als wir in das alte gegangen sind.

Wie wollen Sie die Kurve einleiten?
Unser Ziel ist es, die politischen Entscheidungsträger davon zu überzeugen, jetzt zu investieren. Also zum Beispiel die Sanierung von Straßen nicht auf die lange Bank zu schieben.

Warum fordern Sie schnellere Entscheidungen?
Die Infrastruktur ist für Sachsen-Anhalt ein wichtiger Motor für das Wirtschaftswachstum. Besonders Verkehrsprojekte müssen mutig vorangebracht werden. Durch die Verlängerung der A 14 wird der Norden Sachsen-Anhalts deutlich aufgewertet. Das ist ein sehr wichtiges Projekt. Die öffentliche Hand muss Wege finden, diese Projekte zu beschleunigen.

Wie wollen Sie öffentliche Verkehrsprojekte schneller voranbringen?"
Erstens müssen die Planungsprozesse beschleunigt werden. Zwischen Planung und Bau können mitunter Jahre liegen. Der aktuelle Gesetzentwurf der Landesregierung zur Beschleunigung von Deichbauten beweist, dass es möglich ist, wenn nur der politische Wille vorhanden ist. Zweitens müssen einmal getroffene Entscheidungen wieder verbindlich werden. Ständige Planänderungen während des Baufortschritts führen zu Bauverzögerungen und Kostensteigerungen. Und drittens fordern wir, das Verbandsklagerecht zu novellieren, das es Umweltverbänden erlaubt, im Interesse der Allgemeinheit gegen Planfeststellungsbeschlüsse zu klagen. Seitdem wird nahezu jedes Verkehrsinfrastrukturprojekt durch Klagen verzögert. In Sachsen-Anhalt mussten wird das am Beispiel der A 14 erleben.

Mein Eindruck ist, dass auf den Straßen in Sachsen-Anhalt ständig gebaut wird.
Es wird saniert. Das ist richtig. Bei der heutigen Verkehrsbelastung ist der Verschleiß einfach sehr hoch. Eine Asphaltdecke muss alle sieben bis neun Jahre erneuert werden. Die Alternative wäre eine Betonoberfläche. Die hält etwa 20 Jahre. Eine Autobahn mit diesem Belag auszustatten ist allerdings auch in etwa dreimal so teuer. Generell werden Bauwerke nicht für die Ewigkeit gebaut.

Wie stehen Sie zur Idee von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), eine Pkw-Maut auf deutschen Straßen einzuführen?
Wir brauchen gute Straßen in Deutschland. Uns ist klar, dass das Geld nicht auf den Bäumen wächst. Den Vorschlag sehen wir deshalb positiv. Aber das Geld aus der Maut muss auch zweckgebunden für den Ausbau und den Erhalt von Straßen verwendet werden. Andere Länder wie Frankreich, Italien oder Österreich machen es vor. Das sollte in Deutschland auch möglich sein.

In den kommenden Jahren fehlen der Bauindustrie in Sachsen-Anhalt Ingenieure und Nachwuchskräfte. Wie wollen Sie junge Menschen für den Bau begeistern?
Der Bedarf an Bauingenieuren kann nicht alleine durch Absolventen der regionalen Hochschulen gedeckt werden. Wir stehen dabei im Wettbewerb mit anderen Bundesländern. Wir müssen also daran arbeiten, die Anziehungskraft Sachsen-Anhalts als Wohn- und Arbeitsort weiter zu erhöhen. Gleichzeitig müssen unsere Unternehmen attraktive Beschäftigungsangebote für junge Leute anbieten. Da haben wir noch Nachholbedarf. Auch bei den Auszubildenden geht uns die Luft aus. Bis 2020 fehlen uns allein in Sachsen-Anhalt 1500 Auszubildende in der Baubranche. Wir leiden darunter, dass viele junge Leute das Interesse für die Arbeit auf der Baustelle verloren haben.

Woran liegt das?
Das hängt auch mit dem schlechten Image der Bauwirtschaft zusammen. Wir arbeiten im Schmutz. Auf einer Baustelle unter freiem Himmel kann es regnen. Dabei bietet der Bau nicht nur vielfältige und spannende Berufsfelder, sondern auch eine Aufstiegsfortbildung, die in Deutschland seinesgleichen sucht. Die steigenden Kosten und die Verzögerungen beim Bau von öffentlichen Großprojekten tragen auch zu dem schlechten Bild unserer Branche bei.

Drei Großbaustellen gelten bundesweit als Desaster: Bahnhof Stuttgart 21, Berliner Flughafen und Elbphilharmonie Hamburg. Bürger protestieren, weil weder Preis noch Zeitplan eingehalten werden. Wie weh tut das dem Bauindustrieverband in Sachsen-Anhalt?
Das tut richtig weh und zerstört das Vertrauen in unsere Arbeit. Das schlägt sich auch auf das Tagesgeschäft auf der Landesebene durch. Den Schwarzen Peter auf die Bauindustrie zu schieben, ist einfach, aber auch unfair. Wir führen nur das aus, was andere geplant haben.

Was muss sich beim Bau von Großprojekten ändern?
Wir brauchen eine neue Ehrlichkeit bei der Entwicklung und Planung von Bauvorhaben. Politiker neigen dazu, die Baukosten nicht ehrlich auszuweisen. Gleichzeitig muss vernünftig geplant werden. Wir brauchen vernünftige Risikoanalysen vor Großprojekten. Da hat die öffentliche Hand deutlich Nachholbedarf. Denn Projekte, die über mehrere Jahre angelegt sind, brauchen einfach einen gewissen finanziellen Spielraum. Miteingeplant werden müssen etwa steigende Materialkosten oder ein Ausfall von Bauarbeiten bei schlechter Witterung.

Ist alles planbar?
Nein. Bei komplexen Projekten kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren. Es werden schließlich immer Unikate gebaut.