New York (dpa) l "Ich habe etwa 150000 Dollar an Krediten für das Medizinstudium aufgenommen und 2002 meinen Abschluss gemacht, aber bis heute keine Anstellung gefunden", beschreibt Shahid seine Situation. "Ich kann meine Schulden nicht bezahlen - ich brauche Hilfe!!!", schreibt er in einem Online-Forum, in dem sich Opfer der US-Bildungsfinanzierung austauschen. Sein Beispiel steht stellvertretend für zahllose andere, in denen Menschen in den USA sich durch Studienkredite finanziell ruiniert haben.

Shahids Geschichte zeigt den sozialen Abgrund eines Problems, das in Amerika auch wirtschaftlich hohe Brisanz birgt. Denn der Schuldenberg aus offenen Studienkrediten ist in den letzten Jahren immer größer geworden. Seit 2004 hat sich die Summe laut Daten des Bildungsministeriums auf gut eine Billion Dollar fast vervierfacht. Etwa 70 Prozent der Studenten verlassen das College mit Schulden. "Das lässt die Sorgen nicht nur für die Betroffenen, sondern für die ganze Wirtschaft steigen", sagt Experte Thomas Hylands von der Federal Reserve Bank of Philadelphia.

In den USA werden Studentenkredite als Finanzprodukt gehandelt. Allerdings wird der mit Abstand größte Teil des Geschäfts von der öffentlichen Hand übernommen. Die soll eigentlich den Auftrag erfüllen, möglichst vielen Leuten ein günstiges Studium zu ermöglichen. Tatsächlich haben es Schuldner aber bei fast keinem Gläubiger schwerer, wenn sie in Finanznot geraten. Der Staat hat vollen Zugriff auf so gut wie alle künftigen Einnahmen, kann sich sogar bei der Steuererklärung bedienen.

Bei den privaten Anbietern sind die Zinsen jedoch in der Regel höher und die Bedingungen kompromissloser. Zudem tummeln sich dort Kredithaie, die Studenten den Rest des Lebens zur Hölle machen können. Es gibt sogar etliche Rentner in Amerika, denen die Tilgung ihrer Studienkredite noch zu schaffen macht. 706 000 Haushalte von über 65-Jährigen haben offene Rechnungen. Das sind zwar nur drei Prozent aller US-Bürger, doch es zeigt, wie leicht Studenten in eine Schuldenfalle geraten können.

Die Ausbildung in der weltgrößten Volkswirtschaft wird immer teurer, von 1990 bis 2012 hat sich der Preis pro College-Jahr im Schnitt um mehr als 8000 Dollar erhöht. Der Jahrgang 2014 ist laut einer Analyse des Experten Mark Kantrowitz von der auf Bildungsfinanzierung spezialisierten Firma Edvisors der höchstverschuldete, den es je gegeben hat. Im Schnitt steht jeder Student mit 33000 Dollar in der Kreide. Einer Umfrage der Beratungsfirma PWC zufolge hält nur noch einer von fünf 18- bis 29-Jährigen in Amerika Studienkredite für eine gute Investition.

Das Forscherduo Beth Akers und Matthew Chingos von der Washingtoner Denkfabrik Brookings hält die Gefahr einer Massenüberschuldung und einer Kreditblase hingegen für nicht so groß. Ein Viertel des Anstiegs des Schuldenbergs seit 1989 sei ganz einfach dem Umstand geschuldet, dass mehr Amerikaner in den Genuss eines Studiums kämen. In Ausbildung zu investieren, sei nach wie vor ein guter Plan. "In den letzten 30 Jahren sind die Einkommen durch einen Bachelor-Abschluss auf Lebenszeit betrachtet um 75 Prozent gewachsen, während die Kosten dafür nur um 50 Prozent zulegten."