Die Erdgasleitung South Stream mit einer Länge von 2380 Kilometern sollte die russische Stadt Anapa am Schwarzen Meer mit dem italienischen Grenzort Tarvisio verbinden. Sie würde es ermöglichen, russisches Gas an der Ukraine vorbei nach Europa zu transportieren.

Herzstück ist ein 925 Kilometer langer Abschnitt im Schwarzen Meer durch russische, türkische und bulgarische Hoheitsgewässer. Vom bulgarischen Anlandepunkt in der Hafenstadt Warna sollte eine 1455 Kilometer lange Landleitung durch Serbien, Ungarn und Slowenien bis nach Norditalien führen.

An der Firma South Stream Transport, die ihren Sitz in den Niederlanden hat, sind der russische Gasmonopolist Gazprom mit 50 Prozent und der teilstaatliche italienische Energieversorger Eni mit 20 Prozent beteiligt. Die BASF-Tochter Wintershall und der französische Energiekonzern EDF halten je 15 Prozent. Zudem hat Gazprom für Teilabschnitte in den jeweiligen Ländern Firmen mit nationalen Energieversorgern gegründet. (dpa)

Moskau (dpa) l Aus und vorbei: Unerwartet auch für deutsche Partner wie Wintershall kündigt der russische Gasmonopolist Gazprom Europas größtes Energieprojekt South Stream auf. Schuld habe die EU, meint Kremlchef Wladimir Putin. Die politische Blockade der EU in der schwersten Krise zwischen dem Westen und Russland seit dem Kalten Krieg mache den Weiterbau unmöglich.

1. Was bedeutet der Wegfall der Pipeline für die Energiesicherheit in Europa?
Wie die Ostseeleitung Nord Stream sollte die südliche Leitung South Stream - für den Süden und zentrale Teile EU-Europas - die Gasversorgung des Westens bei wachsendem Energiehunger zuverlässiger machen. Russland wollte so unabhängiger werden von der Ukraine, die das wichtigste Transitland für die Gaslieferungen in die EU ist. Doch auch die EU sollte so eine Alternative zum ukrainischen Transitnetz haben, das als dringend sanierungsbedürftig gilt.

2. Woher bekommt die Europäische Union jetzt zusätzliches Gas?
Das Gas fließt weiter über bestehende Leitungen von Russland nach Europa. Seit Sowjetzeiten steht das Land im Westen im Ruf, verlässlich bis an die Haustür zu liefern, und es will dies auch künftig tun. Putin hatte bereits im Sommer angekündigt, andere Routen für eine Leitung zu prüfen, sollte die EU South Stream torpedieren. Deshalb kommt jetzt die Türkei ins Spiel. Die geplante South-Stream-Leitung für 63 Milliarden Kubikmeter Gas soll dorthin "umgelegt" werden. Das meiste Gas soll an der türkisch-griechischen Grenze landen und von dort aus weiter in die EU fließen. Russland, wo ein Drittel der weltweiten Gasreserven lagert, will so weiter auch in Europa Geld verdienen. Als Alternative für die EU gilt Flüssiggas aus anderen Ländern, das aber teurer ist.

3. Wer ist jetzt besonders vom Aus für South Stream betroffen?
Die Investoren hoffen, dass sie ihre Ausgaben ersetzt bekommen. Das EU-Land Bulgarien muss Russland zufolge jährlich auf 400 Millionen US-Dollar verzichten, die es durch den Gastransit eingenommen hätte. Serbien und die Staaten des Westbalkans sowie Italien hängen weiter vom maroden ukrainischen Transportsystem ab. Die Slowakei, Österreich und Ungarn können nach Darstellung des russischen Energieriesen Gazprom zum Teil durch die Ostsee über Nord Stream versorgt werden.

4. Es gab einmal Pläne in der EU für die Pipeline Nabucco unter Umgehung Russlands - wird das jetzt wieder aktuell?
South Stream hatte sich als Konkurrenzprojekt gegen Nabucco durchgesetzt, weil Partner - in Deutschland, Frankreich und Italien - dahinterstanden. Bei dem EU-Projekt Nabucco hingegen war bis zuletzt unklar, woher die großen Gasmengen zum Befüllen der Leitung kommen sollen. Gleichwohl soll von 2019 an Gas von der autoritär geführten Ex-Sowjetrepublik Aserbaidschan am Kaspischen Meer über die Trans-Adria-Pipeline (TAP), eine kleinere Variante von Nabucco, nach Westen strömen. Dabei geht es allerdings nur um zehn Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr.

5. Ist der Abschied von South Stream eine Kurzschlusshandlung Putins?
Der russische Monopolist Gazprom geht mit dem Bau der Pipelines ein großes wirtschaftliches Risiko ein. Allein die mehr als 2000 Kilometer lange South Stream hätte 16 Milliarden Euro gekostet. Der Konzern verzeichnet aber auch wegen des Gasstreits mit der Ukraine, die mit Milliardenschulden bei Gazprom in der Kreide steht, Rückgänge bei den Einnahmen. Der ökonomische Nutzen von South Stream für die Rohstoffmacht stand von Anfang an infrage. Russland hatte damit vor allem geopolitisch seine Stellung als Energiemacht stärken wollen.

6. Ist das eine Niederlage für Russland im Energiepoker mit dem Westen?
Längst orientiert sich Russland stärker auch in Richtung Asien, vor allem China. Dorthin muss von Sibirien aus ebenfalls eine Leitung verlegt werden. Russlands Fähigkeit zum Leitungsbau ist nicht zuletzt wegen der Wirtschaftskrise geschwächt. Zum einen schwächen die Sanktionen des Westens im Ukrainekonflikt die Konjunktur, zum anderen fehlen wegen des niedrigen Ölpreises wichtige Petrodollar-Einnahmen.

7. Ist die Ukraine der Gewinner durch das Aus für South Stream?
Die Ukraine war von Anfang an gegen das Projekt, weil sie ihre Stellung als wichtigstes Transitland für die EU nicht verlieren wollte. Die EU steht im Konflikt mit Russland aufseiten der Führung in Kiew, die sich jetzt gestärkt sieht. Die Ukraine hatte bereits wegen der Ostseeleitung einen Teil ihrer Marktmacht als Transitland eingebüßt. Das Land benötigt dringend die Transitgebühren, die Russland zahlt. Künftig will die Ukraine am liebsten ihr Gas in Russland einkaufen und dann an Abnehmer in der EU verkaufen, um selbst mehr Geld einzunehmen.

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