Davos (dpa) l Vom Weltwirtschaftsforum in Davos soll in diesem Jahr ein Signal für neues Vertrauen in schwierigen Zeiten ausgehen. Doch schon am Eröffnungstag am Mittwoch erweist sich das als Wunschdenken. Das Elitentreffen in den Schweizer Alpen mit über 2500 Teilnehmern aus 140 Ländern wurde von einem bewaffneten Konflikt eingeholt, der rund 2100 Kilometer Luftlinie entfernt trotz eines vereinbarten Waffenstillstands wieder aufflammt. Wegen der neuen Kämpfe im Krisengebiet Donbass entschied der ukrainische Staatschef Petro Poroschenko, nach seinem Auftritt beim WEF nach Kiew zurückzufliegen.

Von der WEF-Bühne aus bezichtigte er Russland der Aggression gegen sein Land. Mehr als 9000 russische Soldaten würden sich mittlerweile samt Panzern und anderer Militärtechnik im Osten der Ukraine aufhalten. "Wenn das keine Aggression ist, was ist dann eine Aggression?"

Dass der Ukrainer vor den Kameras der Welt eine Breitseite in Richtung Moskau abfeuern und den Westen eindringlich zur Solidarität auffordern würde, dürfte man im Kreml vorausgesehen haben. Früher war Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew Stammgast beim WEF, diesmal schickte Moskau niemanden aus der ersten Reihe. Eingeladen waren sowohl Medwedew als auch Präsident Wladimir Putin. Doch WEF-Gründer Klaus Schwab verband das mit der Bitte, nicht nur eine Rede zu halten, sondern auch in einer live übertragenen Debatte erwartbar kritische Fragen auf dem Weltwirtschaftsforum zu beantworten. Putin und Medwedew winkten ab.

Dabei könnte die russische Wirtschaft neues Vertrauen auch der internatonalen Wirtschaftselite gut gebrauchen. Investoren jedenfalls trauen dem Land derzeit kaum über den Weg - die Folge ist ein dramatischer Verfall des Rubel. Die Wirtschaft steuert auf eine tiefe Krise zu. Nachdem 2014 noch ein leichtes Wachstum zu Buche stehen dürfte, rechnet die Weltbank mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 2,9 Prozent. Auch die großen Ratingagenturen drohen Russland damit, die Kreditwürdigkeit auf Ramschniveau herabzustufen. Damit würde sich die Kreditaufnahme erheblich verteuern.

Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe

Tief verunsichert sind russische Unternehmenslenker. Vor einem Jahr versprühten sie in Davos noch große Zuversicht. Damals erwartete noch mehr als die Hälfte der russischen Manager bei einer Umfrage der Beratungsgesellschaft PwC für ihre Unternehmen ein starkes Umsatzwachstum. Das hat sich dramatisch gewandelt: Der aktuellen PwC-Umfrage zufolge glauben nur noch 16 Prozent an bessere Geschäfte. Damit ist das Land auf den letzten Platz gestürzt.

Noch viel schlimmer ist die Lage in der Ukraine. Dort ist die Wirtschaft im vergangenen Jahr um 8,2 Prozent eingebrochen. Überall im Land breitet sich Armut aus. Allerdings gibt es wohl einen Hoffnungsschimmer: Mehrere ausländische Unternehmer hätten ihm jetzt in Davos dreistellige Millionen-Investitionen in der Ukraine zugesagt, teilte Poroschenko mit.

Experten wie der US-Politikwissenschaftler John J. Mearsheimer von der University of Chicago warnen derweil ausdrücklich davor, allein Putin, die Annexion der Krim und angebliche Großmachtträume im Kreml für die Ukraine-Krise verantwortlich zu machen. "Die USA und ihre europäischen Verbündeten sind zu einem großen Teil mitverantwortlich", schrieb er in einem Beitrag für die WEF-Sonderausgabe des US-Magazins "Foreign Affairs".

Mearsheimer rät der Regierung in Washington dringend, eine politische Lösung anzustreben, die Moskaus Interessen berücksichtigt. "Eines Tages werden die USA Russlands Hilfe brauchen, um das aufstrebende China im Zaum halten zu können", meint der Politikwissenschaftler. Die USA und die EU sollten eine Ukraine anstreben, die politisch neutral ist und sich auf den wirtschaftlichen Aufbau konzentriert.