Frankfurt/Main (dpa) l "Das ist ein sehr wichtiger Tag. Heute besprechen wir, kritisch und konstruktiv, wo Ihre Bank steht." So lauten zwei der insgesamt fünf Sätze, die Deutsche-Bank-Co-Chef Anshu Jain auf Deutsch an die Aktionäre richtet.

Was dann bei der Hauptversammlung am Donnerstag folgt, ist ein bizarres Schauspiel: Jain trägt seine Rede in seiner Muttersprache Englisch vor. Die gut 5000 Aktionäre und Gäste sehen den Investmentbanker aber nur gestikulieren - zu hören ist in der Frankfurter Festhalle lediglich ein Übersetzer, der die deutsche Fassung von Jains Rede abliest.

Privatkundengeschäft der Deutschen Bank schrumpft

In den vergangenen beiden Jahren hatte Jain, der gerade in Deutschland von Anfang an umstritten war, die Anteilseigner noch mit Vorträgen auf Deutsch umgarnt. Aber spricht der indischstämmige Top-Banker, der von seiner Zeit in der Londoner City geprägt ist, noch die Sprache der Aktionäre in der Heimat des Dax-Konzerns?

Die Zeiten haben sich geändert: Das Privatkundengeschäft wird unter anderem durch die Aufgabe der Tochter Postbank geschrumpft, Spartenchef Rainer Neske - einst als möglicher Vorstandsvorsitzender gehandelt - verlässt die Bank nach 25 Jahren. Der Aufsichtsrat macht das Thema Strategie zur Chefsache und stärkt damit Jains Macht.

Viele Aktionäre sehen das mit Sorge. Ein "Investmentbank-Vorstand" habe die Macht übernommen, warnt Aktionärsvertreter Hans-Martin Buhlmann. Mit Neske gehe "ein weiterer Bankier und kein Banker von Bord", bedauert Kleinaktionärs-Vertreter Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Kein Vertrauen zum Deutsche-Bank-Vorstand

Markus Kienle von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) geht Jain direkt an: "Die gegen Sie erhobenen Vorwürfe können Sie nicht einfach weglächeln." Jain war über Jahre Leiter des Kapitalmarktgeschäfts und damit der Sparte, in der die meisten teuren Altlasten der Bank ihren Ursprung haben. Kienle: "Herr Jain, sind Sie das Problem dieser Bank oder die Lösung oder sind Sie beides?"

Sollte der Aufsichtsrat gehofft haben, die diversen Rochaden im Vorstand nur wenige Stunden vor der Hauptversammlung könnten der Kritik den Wind aus den Segeln nehmen, geht dieser Plan nicht auf. "Der Vorstand in seiner jetzigen Zusammensetzung genießt nicht mehr unser Vertrauen", bekräftigt Hans-Christoph Hirt, Manager beim einflussreichen Londoner Aktionärsberater Hermes.

In die gleiche Kerbe schlägt Ingo Speich, Fondsmanager bei Union Investment: "Wir fragen uns langsam, ob das Management der Deutschen Bank noch in der Lage ist, das Unternehmen adäquat zu führen."

Fitschen im Prozesskreuzfeuer

Dem neuen Vorstandszuschnitt kann Speich immerhin einen guten Aspekt abgewinnen: "Dass Sie sich künftig selbst um die Strategie und ihre Umsetzung kümmern wollen, Herr Jain, ist ein längst überfälliger Schritt." Klar ist aber auch: Damit verschieben sich die Gewichte zugunsten Jains (52). Denn sein deutlich älterer Partner an der Doppelspitze, Jürgen Fitschen (66), gibt sogar einen Bereich ab: die Verantwortung für die konzerneigene Abwicklungssparte.

Dass Fitschens Einfluss nun schrumpft, ist für Börsianer indes keine große Überraschung. Händler verweisen etwa auf die enormen Belastungen für den Manager durch den laufenden Kirch-Prozess in München. Seit Ende April muss sich Fitschen dort vor dem Landgericht gegen den Vorwurf des versuchten Prozessbetrugs im Schadenersatz-Verfahren für die Kirch-Pleite zur Wehr setzen. Wie belastend das ist, räumte Fitschen selbst kürzlich in einem Interview ein: "Der halbe Tag ist weg, und es warten genügend andere Aufgaben."

Noch braucht Jain Fitschen an seiner Seite. Kritische Fragen der Aktionäre zu Jains Rolle in den diversen Skandalen der Bank kontert der gebürtige Niedersachse Fitschen auf Deutsch: Jain übe Verantwortung durch seinen Einsatz dafür aus, dass sich Verfehlungen der Vergangenheit bei der Deutschen Bank nie wiederholen könnten.