Die Abkürzung NFC sagt heute den meisten Menschen gar nichts. Es sieht aber sehr danach aus, dass sich die Funktechnik in diesem Jahr in den Handys breitmacht - und vieles in unserem Alltag verändern wird.

Barcelona (dpa). Noch klingt es ein wenig nach Zukunftsmusik, was die Funktechnik NFC alles bringen soll. An der Supermarktkasse braucht man nur sein Handy an einem Lesegerät vorbeizuführen, und der Einkauf ist bezahlt. Im Urlaub hält man es kurz an einen entsprechend ausgerüsteten Stadtplan - und schon zeigt das Gerät den Weg zu einer Sehenswürdigkeit. Oder man lädt sich Informationen zu einem Produkt direkt von einem Werbeplakat. Oder schließt mit dem Telefon sein Auto auf. Oder das Hotelzimmer. Und, und, und... Die Technik-Branche überschlägt sich in Szenarien.

Die Ironie der Geschichte ist, dass es dieses Feuerwerk der Visionen um Near Field Communication (NFC) schon einmal gab, vor ungefähr fünf Jahren. Schon da sollte die kontaktlose Funktechnik in Handys einziehen und die Welt verändern. "Wir hatten alles fertig - doch keiner kam", sagt der Chef des Chipspezialisten NXP, Rick Clemmer. Zwischenzeitig habe man überlegt, aus dem Geschäft auszusteigen, heute kann er darüber lachen: Da NXP an der Technik dranblieb, ist die ehemalige Halbleitersparte von Philips der dominierende Hersteller von NFC-Chips. "We own the market", sagt Clemmer. "Der Markt gehört uns."

Damals sei ein NFC-Siegeszug daran gescheitert, dass niemand die Initiative übernehmen wollte. Heute ist das anders. Die Chips kosten wenige Cent. Und es gibt großes Interesse aus der Industrie: Unter anderem will der Internet-Riese Google die Technik schnell in seine Android-Plattform integrieren will. So wird das neue Smartphone-Flaggschiff Nexus S, das von Samsung produziert wird, einen NFC-Chip bekommen. Praktisch alle Hersteller kündigten auf dem Mobile World Congress in Barcelona den Einbau der Funktechnik an, selbst der kleine chinesische Herausforderer ZTE. Angeblich soll auch das nächste iPhone von Apple einen NFC-Chip bekommen, der Konzern hält sich aber wie immer bedeckt.

Google-Chef Eric Schmidt betonte in Barcelona hingegen offen, dass der Internet-Konzern in der NFC-Technik große Möglichkeiten bei mobilen Bezahlsystemen und zusätzlichen Werbeangeboten sehe. Bei NXP heißt es, die Schützenhilfe von Google helfe ungemein. Als Finanzdienstleister einmal mehrere Quartale für die Umsetzung eines Projekts veranschlagt hätten, habe Android-Chefentwickler Andy Rubin zum Telefon gegriffen und gesagt: "Das brauchen wir bis nächste Woche."

Vor allem bei Handy-Bezahlsystemen zeichnet sich ein dichtes Gedränge ab. Alle wollen in den Markt: Mobilfunk-Anbieter, etablierte Kreditkarten-Spezialisten wie Visa und Mastercard, Online-Bezahldienste wie PayPal. In Südkorea etwa sehe man, wo ein solcher Wettbewerb hinführen kann, sagt Jan Chipchase, der für die Beratungsfirma frog design weltweit auf Trendsuche ist. "Da hat man an der Supermarktkasse zum Teil fünf Lesegeräte verschiedener Anbieter, die alle um Kunden buhlen." So sei das eben, wenn die schönen Visionen der Industrie auf das echte Leben treffen: "Die Realität ist nicht so aufgeräumt und freundlich wie ein Apple Store."

Auch Jan Volzke vom Sicherheitssoftware-Unternehmen McAfee hat Bedenken. Wenn Firmen bei NFC-Anwendungen sparen sollten, könnten Sicherheitslücken entstehen, sagt er. "Wir werden dann sehen, woran wurde gedacht, und was wurde vergessen." In Barcelona habe er Bezahl-Anwendungen gesehen, bei denen der Kunde an der Kasse eine PIN-Nummer in sein Handy eintippen musste, möglicherweise vor den Augen vieler Menschen. "Und das, obwohl wir den Leuten jahrelang eingeredet haben, am Geldautomaten unbedingt die Tastatur zu verdecken."