Etwa 50 Unternehmen aus Sachsen-Anhalt stellen seit gestern ihre Produkte auf der Hannover Messe aus. Auf dem Gemeinschaftsstand des Landes präsentieren sich rund 30 Aussteller. Die Hannover Messe ist mit rund 6500 Ausstellern die größte Industriemesse der Welt.

Hannover (dpa). Kernthema quer durch alle Messebereiche ist der sparsamere Einsatz von Energie, um den Beitrag der Industrie zum weltweiten Klimaschutz zu stärken. Präsentiert werden Techniken konventioneller Energieerzeugung, vor allem geht es aber um die Produktion und Verteilung von Energie aus erneuerbaren Quellen. Neben Stromriesen wie EnBW und Vattenfall präsentieren führende Anbieter aus der Wind-, Solar-, Bioenergie- und Geothermie-Branche Innovationen in Hannover, auch eine "Leitmesse Wind" ist im Programm. Viele Veranstaltungen befassen sich angesichts der Reaktorkatastrophe in Japan außerdem mit der Zukunft der Kernkraft im globalen Energiemix.

Das Moratorium für die ältesten deutschen Atommeiler müsse genutzt werden, um die Wende zu erneuerbaren Energien rasch voranzubringen, sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) Hans Peter Keitel. "Wir wollen aber nicht, dass die Ergebnisse schon vorher feststehen", sagte er mit Blick auf die umstrittenen Pläne zum Bau neuer Stromtrassen sowie auf die erste Sitzung der Ethikkommission zur Zukunft der Atomenergie in Berlin. "Abschalten ja – aber das reicht nicht. Man muss auch sagen, was an diese Stelle treten soll."

Das Energiekonzept der Bundesregierung lasse zu viele Fragen über den Ausbau etwa der Wind-, Wasser- und Solarenergie offen, sagte die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), Hildegard Müller. Dabei müssten die Interessen von Skeptikern des Netzausbaus und die der Energiewirtschaft gleichermaßen beachtet werden.

"Wenn ich die Proteste einiger Bürgerinitiativen gegen neue Stromleitungen oder gegen Pumpspeicher-Kraftwerke sehe, dann könnte das schon auf einen neuen Zielkonflikt hinauslaufen", warnte Müller. Solange die sieben betroffenen Atommeiler vom Netz genommen sind, müsse das Kabinett in Berlin mit den gesellschaftlichen Gruppen einen "neuen Konsens" in der Energiewende finden. "Und die Lösungen, die dort besprochen werden müssen, gehen weit über Fragen zur Kernenergie hinaus." Der bisherige Dialog über den Umstieg in regenerative Quellen habe zu kurz gegriffen und zu Fehleinschätzungen geführt.

Zwischen 23 und 56 Milliarden Euro an Investitionen seien bis 2020 allein für die Integration der "Erneuerbaren" in die Netze nötig. "Das Leid und die Schicksale der Menschen in Japan haben auch die politische Lage schlagartig verändert", betonte die BDEW-Vertreterin. Eine Neuausrichtung des Energiesektors in Deutschland dürfe jedoch nicht auf Kosten der Versorgungssicherheit gehen. So habe die Verknappung der gesamten verfügbaren Strommenge seit Beginn des Moratoriums schon deutliche Preissteigerungen ausgelöst. Nach Verbandsabgaben waren an den Strombörsen Aufschläge von bis zu zwölf Prozent zu verzeichnen. Auch die Preise für CO2-Emissionszertifikate stiegen um rund zehn Prozent.

Insgesamt hat die deutsche Energie- und Wasserwirtschaft im vergangenen Jahr stark vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert. Die spürbare Konjunkturbelebung und der kalte Winter ließen den Strom- und Gasabsatz 2010 um vier Prozent steigen, wie vorläufige Berechnungen des BDEW ergaben. Der Gasabsatz legte im Vergleich zum Vorjahr um 4,2 Prozent auf 942 Milliarden Kilowattstunden (kWh) zu, der Stromverbrauch um 3,8 Prozent auf 530 Milliarden kWh.

Angesichts des sich abzeichnenden Umbaus der Energieversorgung wollen die Stromproduzenten verstärkt in die Erneuerung ihres Kraftwerks- parks investieren. Derzeit sind 18 große Anlagen im Bau. Für 13 weitere Projekte liegen die Genehmigungen vor; darunter sind zehn große Windkraftanlagen, die vor den deutschen Küsten entstehen.

Im Umbau der Energieversorgung sehen die deutschen Maschinenbauer hervorragende Perspektiven. "Unsere Technik kann verhindern, dass es dunkel wird", sagte Lindner. Dabei müsse es aber ein klares, parteiübergreifendes Konzept geben, die Industrie brauche langfristig gültige Investitionsbedingungen. "Energiepolitik darf nicht nach Gefühl und Wellenschlag funktionieren, sondern muss Stabilität für zwanzig, dreißig Jahre und mehr geben", sagte Lindner.

Voraussetzung für einen erfolgreichen Umbau sei zudem ein beschleunigter Netzausbau. "Wir können es uns nicht mehr leisten, bei jeder Überquerung eines Tales jahrelange Prozesse mit Betroffenen zu führen", sagte Lindner. Auch das Thema Speicher werde an Bedeutung gewinnen.

Die Anlagenbauer hätten derzeit durchaus Kapazitäten zum Bau neuer Kraftwerke auf Basis fossiler wie auch erneuerbarer Energieträger. Und mit einem beschleunigten Ausstieg aus der Kernenergienutzung in Deutschland drohe auch keine Stromlücke, teilte der Verband der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) mit.

Die Elektro- und Informationstechnik-Branche sieht große Standortchancen auf dem Feld der intelligenten Stromnetze, der sogenannten Smart Grids. Hier gebe es in Deutschland einen deutlichen Vorsprung bei der Technikkompetenz, hieß es gestern auf der Hannover Messe. Meinung