Die Reaktorkatastrophe in Japan hat das Ökobewusstsein der Stromkunden geschärft, grüner Strom steht hoch im Kurs. Die Anbieter schwimmen auf einer Welle der Sympathie. Darunter Naturstrom – der Händler mausert sich zum Aufsteiger der Ökobranche.

Düsseldorf (dpa). Bei Oliver Hummel stehen die Telefone nicht mehr still. Der Vorstand des Ökostromanbieters Naturstrom AG aus Düsseldorf kann sich vor Kundenanfragen kaum noch retten. "Eine schnelle Bearbeitung lässt sich nicht mehr aufrechterhalten, weil sich die Datenmenge verzehnfacht hat", stöhnt Hummel. Mehr als 10 000 Neukunden wöchentlich hat der Anbieter von reinem Ökostrom in den vergangenen Wochen seit der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima hinzugewonnen. Das sind kaum weniger als in den ersten 10 Jahren seit der Unternehmensgründung 1998.

Einen Kundenstamm von 150 000 hatte sich Naturstrom für 2011 vorgenommen – eine Zahl, die bereits in den vergangenen Ostertagen erreicht wurde. Jetzt sollen es bis zum Jahresende 200 000 werden, womit der Ökostromhändler zum fünften Mal in Folge seine Kundenzahlen verdoppeln würde. Der Umsatz, der zuletzt bei rund 60 Millionen Euro lag, könnte zu diesem Zeitpunkt erstmals die 100-Millionen-Euro-Schwelle übersteigen.

In Deutschland gibt es praktisch nur vier bedeutende konzern- und stadtnetzunabhängige Ökostromanbieter. Neben Naturstrom sind das Lichtblick aus Hamburg, die Energieversorgungswerke EWS Schönau in der Nähe von Freiburg sowie Greenpeace Energy ebenfalls aus Hamburg. Lichtblick ist der mit Abstand größte unter ihnen, gefolgt von Naturstrom, EWS Schönau und Greenpeace Energy. Immerhin ordern inzwischen fast eine Million Haushalte Strom und Gas bei einem dieser Anbieter. Ihr Nischendasein in der Energiebranche haben die "Ökos" hinter sich gelassen.

Dabei melden alle vier seit dem Reaktorunglück in Japan starke Kundenzuwächse, besonders Naturstrom. Aber auch andere Versorger sind mit Ökotarifen unterwegs und wollen auf den Zug der Erneuerbaren springen. Das Internetvergleichsportal verivox.de zählt über 70 solcher Tarife – von Stadtnetzbetreibern bis zu den großen Stromkonzernen sind alle vertreten. Doch Naturstrom, Lichtblick & Co setzen als einzige gezielt auf grünen Strom und seinen Ausbau – ohne Atom und ohne Kohle.

Als erster bundesweiter Versorger verkauft Naturstrom seit einiger Zeit auch Gas aus Biomasse. Doch im Gegensatz zum Strom, den die Düsseldorfer aus heimischer Quelle (Wind und Sonne) beziehen und bei dem sie sich im Markt auch vom Preis her gut behaupten können, ist Biogas eher noch etwas für Idealisten. So kann die vollständige Versorgung mit Biogas den Geldbeutel eines Vier-Personen-Haushalts in einem Eigenheim mit mehr als 3700 Euro im Jahr belasten.

Naturstrom ist nicht nur ein reiner Ökostromhändler. Das Unternehmen, das 1998 unter anderem von den Umweltverbänden BUND und NABU gegründet wurde und heute rund 800 Aktionären gehört, will auch einen Beitrag zur Energiewende leisten. Ziel ist der systematische Ausbau von Anlagen zur Erzeugung von Energie aus Wind, Sonne und Biomasse in Deutschland. So fließen 1,25 Cent je Kilowattstunde in die Förderung von neuen dezentralen Anlagen, bei Gas sind es 0,25 Cent. Über 170 Anlagen hat das Unternehmen bislang gefördert und auch eigene Windparks aufgebaut.

Ein Wermutstropfen für wechselwillige Verbraucher bleibt allerdings: Naturstrom erhöhte den Strompreis für Neukunden gerade um knapp 6 Prozent auf 22,50 Cent je Kilowattstunde. "Wir können uns der Entwicklung am Markt nicht entziehen", sagt Hummel.