Frankfurt/Main (dpa). Ganze "Wolfsrudel" greifen den Euro an, die Politik stilisiert sich zum Retter des Euro. Doch Finanzexperten halten die Erklärung für zu einfach – und sehen die Ursache der Krise in einem Politikversagen.

In der europäischen Schuldenkrise sind Spekulanten zum Feindbild der Politik geworden. Die mächtigen Angriffe der Finanzjongleure müssten abgewehrt werden. Doch so genau weiß niemand, wer hinter den angeblichen Angriffen auf den Euro steht. Sind wirklich das Risiko suchende Spekulanten für den Druck verantwortlich – oder sackten Euro und griechische Staatspapiere ab, weil Anleger das Risiko scheuten?

In der Wortwahl halten sich die Politiker nicht zurück. "Es geht hier um eine weltweit organisierte Attacke gegen den Euro", sagt etwa der Chef der Eurogruppe, Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) meint: "Wir haben festgestellt, dass es doch ein hohes Maß an Spekulationen gegen den Euro als Ganzes gibt." Schwedens Finanzminister Anders Borg sprach gar von einem "Wolfsrudel".

Doch es gibt auch eine andere Sicht: "Ich sehe dieses Rudel von Wölfen nicht", sagt Banken-Professor Martin Faust von der Frankfurt School of Finance & Management. "Die Politik suggeriert, dass es eine Manipulation gibt. Aber das ist es nicht." Stattdessen gebe es viele Gründe, warum der Euro künftig schwächer sein könne – weil zum Beispiel viele Länder hoch verschuldet seien und nur ein geringes Wirtschaftswachstum erwartet werde. Darauf würden zahlreiche Anleger reagieren – im Euroland, in den USA, Japan, im arabischen Raum oder auch Russland. "Das ist nicht nur eine Handvoll von Hedge-Fonds", sagt Faust.

Und auch Bankenprofessor Wolfgang Gerke meint: "Dass die Politik die Hauptschuld bei den Spekulanten sucht, ist ein Ablenken von eigenen Fehlern." Finanz-Professor Jan Pieter Krahnen von der Frankfurter Goethe-Universität meint: "Den Angriffskrieg der Spekulanten halte ich solange für ein Gerücht, bis ich harte Zahlen sehe." Die These des Spekulantenangriffs sei möglicherweise durch die Lobbyarbeit von Banken entstanden, die ohne die Rettungsaktion auf Kosten der Steuerzahler viel Geld verloren hätten.

Tatsache ist: In keinem anderen Markt wird soviel gehandelt wie auf den Devisenmärkten. Es geht um Milliarden. Dabei tauschen Händler zum Beispiel Dollar gegen Euro oder vereinbaren, zu einem späteren Zeitpunkt Währungen in einem schon vorher festgelegten Verhältnis tauschen zu können. Prinzipiell wichtig ist dies zum Beispiel für Unternehmen, die künftige Einnahmen in Fremdwährungen absichern wollen.

Aber auch spekulative Hedge-Fonds sind in diesem Markt aktiv. Sie leihen sich zum Beispiel in einer Fremdwährung Geld, um es später bei günstigeren Kursen zurückzahlen zu können. Durch die Kredite sind dann immense Hebel möglich: Für jeden eigenen Euro der Fonds wird ein Vielfaches an Geld bewegt und die Gewinne oder Verluste können damit immens sein. Aber die Fonds handeln nicht wahllos: "Die Spekulanten legen die Finger in die Wunde", sagt Gerke.

Neben den Devisen-Geschäften gibt es noch die Möglichkeit, dass Spekulanten gegen einzelne Staatsanleihen aus dem Euroland agieren. Hedge-Fonds können mit sogenannten Credit-Default-Swaps (CDS) auf Bewegungen wetten. Dabei handelt es sich eigentlich um Kredit-Ausfallversicherungen. Wenn Griechenland Pleite gehen würde, hätten die Versicherungsnehmer gewonnen.

Bankenprofessor Faust meint, dieser Handel sollte ohnehin nur denjenigen erlaubt werden, die sich auch wirklich absichern wollen, weil sie zum Beispiel gefährdete Anleihen besitzen. Dies sei aber schon seit Jahren bekannt – und schon lange eine Aufgabe der Politik. "Auch dies ist ein Zeichen des Politikversagens."