Job, Wohnung, Freunde finden - klingt einfach. Ist es aber nicht für Menschen, die gerade in Haft sitzen. Für Menschen, die nach Jahren im Gefängnis wieder frei sind. Sarah Lehmann arbeitet beim Diakonischen Werk und hilft ihnen. Um 53 Straffällige und Angehörige hat sie sich 2013 gekümmert - die EU zahlt.

Burg l Frühstück, Arbeit in der Werkstatt, Mittagessen, Sport, Zimmer putzen, Abendessen: Ein strukturierter Alltag ist hinter Gittern Pflicht. Die Häftlinge einer Justizvollzugsanstalt haben sich an genaue Uhrzeiten zu halten - doch in Freiheit schließt niemand pünktlich 15 Minuten vor Arbeitsbeginn die Haustür auf. Und nicht nur das. Alte Freunde sind jetzt vielleicht keine mehr. Anträge für Behörden müssen ausgefüllt werden. Vermieter und Arbeitgeber müssen trotz krimineller Vergangenheit überzeugt werden.

"Ich frage nicht direkt nach und lasse reden."

Und dabei hilft Sarah Lehmann. Gerade hat sich ein Hamburger per Post bei der 27-Jährigen gemeldet. Er ist frisch aus der Haft entlassen, will zurück in seine alte Heimat, ins Jerichower Land. Die Mitarbeiterin der Diakonie hat keine Akteneinsicht, weiß nicht, warum der junge Mann eingesperrt war. "Ich frage auch nicht direkt nach", sagt Lehmann. Die meisten ihrer Klienten erzählen es von selbst. Die Sträflinge von außerhalb kommen zu ihr ins Büro. Wer in der Burger Justizvollzugsanstalt einsitzt, kann dort einmal pro Monat Sarah Lehmann treffen.

"Ich habe keine Angst", sagt Lehmann. In der JVA würden überall Kameras hängen, in ihrem Büro seien immer Kollegen in der Nähe. Hausbesuche macht die junge Frau nur im Ausnahmefall. Und wenn Lehmann die Kriminellen trifft, lässt sie sie erstmal reden. "Um ihnen zu helfen, muss ich wissen, was sie können und was sie wollen." Sucht jemand eine Wohnung, will Sarah Lehmann unbedingt wissen, ob er ein Pädophiler ist und deswegen bestraft wurde. "Dann würde ich immer die Nähe zu einem Kindergarten oder einer Schule vermeiden", erklärt Lehmann.

Ob die Jobsuche mit dem Hamburger erfolgreich ausgeht, weiß Sarah Lehmann noch nicht. Nur, dass sie ihn beim Bewerben helfen wird - im Rahmen des Landesprojektes ZEBRA, Zentrum für Entlassungshilfe, Beratung, Resozialisierung und Anlaufstelle zur Vermittlung gemeinnütziger Arbeit. Finanziert aus dem Europäischen Sozialfonds. Das erklärte Ziel: Straffällige so zu integrieren, dass sie zukünftig ein straffreies Leben führen und bessere Chancen am Arbeitsmarkt erlangen.

"Man sollte sich auf Augenhöhe begegnen."

Seit gut einem Jahr betreut Sarah Lehmann Straffällige und deren Angehörige - über 50 Klienten konnte sie bereits helfen. Auf einen ist Sarah Lehmann ganz besonders stolz. Mit 19 Jahren kam er ins Gefängnis, vier Jahre später wurde er entlassen - ohne Ausbildung, ohne Perspektive. "Wir hatten stundenlange Gespräche und haben nach einem Neuanfang gesucht", erinnert sich Lehmann.

Heute lebt der 24-Jährige in einer eigenen Wohnung in Magdeburg, mit Freundin und Katze. Er macht eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Regelmäßig meldet er sich bei der 27-Jährigen und ist dankbar für die Unterstützung. Der Altersunterschied zwischen Sarah Lehmann und dem Straffälligen ist klein. Für sie kein Problem: "Man begegnet sich auf Augenhöhe, das Gegenüber sieht, wie es auch anders hätte laufen können."

Ihre Klienten sind zwischen 21 und 67 Jahre alt. Sarah Lehmann gibt zu: "Anfangs hatte ich ein wenig Angst, dass die Älteren mich nicht ernst nehmen, aber so war es nie." Ernst genommen wird Lehmann vor allem auch von den Angehörigen der Verurteilten. Sie steht den Frauen zur Seite, hilft ihnen, Kontakt zu halten.