Die Awo fair.leben Integrations- und Heimbetriebe GmbH hat in der vergangenen Woche den Antrag auf ein Planinsolvenzverfahren gestellt. Der Betrieb der Einrichtung soll weiter fortgeführt werden. Entlassungen sind nicht vorgesehen. Das Vorgehen wird kritisiert.

Jerichow l Der Grund für den beim Amtsgericht Magdeburg eingereichten Antrag seien aktuell anstehende einmalige Nachzahlungen aus einer vereinbarten Tarifumstellung. Nach Volksstimme-Informationen handelt es sich hierbei um 320000 Euro. "Diese Nachzahlungsforderung hat zur finanziellen Überforderung der Gesellschaft geführt", erklärt Cathleen Paech, Pressesprecherin des Awo Landesverbandes Sachsen-Anhalt. Durch dieses Verfahren soll das Unternehmen unter einen zeitweiligen Schutzschirm gestellt werden. Zentrales Anliegen der Insolvenz sei die Sanierung, um sowohl die Angebote für Menschen mit Behinderungen fortzuführen, als auch möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten. Die Frage nach Entlassungen stehe gar nicht im Raum. "Das ist in keiner Hinsicht der Sachstand und reine Spekulation", so die Pressesprecherin.

Ver.di-Gewerkschaftssekretär Thomas Mühlenberg findet die Argumentation unglaubwürdig. "Der Tarifvertrag wurde Anfang 2013 geschlossen. Wenn der Arbeitgeber ein Jahr braucht, um dann festzustellen, dass es nicht funktioniert, weiß ich nicht, wo es klemmt." 2008 wurde der Heimbereich Jerichow aus der Kranken-hausgesellschaft ausgegliedert, um neue Verträge aushandeln zu können. Knapp fünf Jahre hat es gebraucht, um eine Einigung herbeizuführen. "In den Verhandlungen ging es um Summen zwischen 60 000 und 80 000 Euro. Wenn diese jetzt plötzlich eklatant höher sind, ist das sehr fraglich" so Mühlenberg. Er hat noch eine Vollmacht für eine Stundungsvereinbarung, die am 30. April ausläuft. "Jetzt liegt es an den Kollegen vor Ort, was damit passiert", macht der Gewerkschaftssekretär deutlich.

Diese Vereinbarung wurde den Mitarbeitern vorgelegt. Wichtige Punkte wie ein Zeitraum für die Stundung fehlten. Zudem wollten die Mitarbeiter eine rechtliche Beratung durch einen Anwalt. Bisher gab es keine Antwort seitens der Awo. Mittlerweile hängen die Mitarbeiter in der Luft. Sebastian Hänschke ist der Meinung, dass der Geschäftsführer des Awo Landesverbandes Wolfgang Schuth mit der Insolvenz, die tariflich ausgehandelten Verträge auszuhebeln und zu unterwandern versucht. "Er ist zu keinerlei konstruktiven Gesprächen bereit und beharrt auf sein Vorgehen", so der Mitarbeiter.

Die Awo fair.leben betreibt in Groß Ammensleben und in Jerichow Heime für Menschen mit seelischen und geistigen Behinderungen. Angeschlossen sind Angebote zum integrierten und ambulant betreuten Wohnen in Magdeburg, in der Börde und im Jerichower Land. Weiterhin betreibt die Awo fair.leben als Integrationsbetriebe das Café "Patiententreff" in Jerichow und das Sozialkaufhaus "fair.kaufen" in Magdeburg. Insgesamt sind etwa 100 Beschäftigte bei der Gesellschaft angestellt.