Das Jerichower Land feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Jubiläum. Was macht diesen Kreis so besonders? In einer Serie von A wie Anfang bis Z wie Ziegelsdorfer Telegraf gehen Volksstimme-Redakteure der Sache auf den Grund. S wie Sumpf: Der Fiener war nach der Eiszeit ein riesiger See, später gefährliches Moorgebiet.

Genthin/Tucheim l Die letzte Eiszeit vor 100000 Jahren hat das Jerichower Land geformt. Eine kleine Region unserer Heimat hat durch die 3000 Meter dicke Eisschicht aus der Zeit der Mammuts eine faszinierende Struktur erhalten: der Fiener. Wo heute Wälder, Äcker und Wiesen sind, lebten die Menschen 3000 Jahre vor Christus von der Fischerei.

Weder Fahrrad noch Auto: Wichtigstes Fortbewegungsmittel unserer Vorfahren im Fiener aus der Jungsteinzeit (3000 bis 2000 vor Chr.) war der Einbaum. "Die Menschen ernährten sich vom Fischfang, aber auch von der Jagd", sagt der Genthiner Heimatkundler Dieter Rohr. Seinerzeit lebten die Leute des Fieners nicht in Dörfern, sondern in kleineren Kolonien. In seinem privaten Archiv befinden sich zahlreiche Dokumente, mit denen sich die Geschichte des Fieners nachzeichnen lässt.

Die dritte Eiszeit

Dieter Rohr erzählt von der Weichsel-Eiszeit. Es ist die jüngste in Nord-Europa aufgetretene Vereisung nach Elster- und Saale-Eiszeit. Sie dauerte etwa 100000 Jahre. Ihr Ende ist auf 10000 Jahre vor unserer Zeit datiert. Ihren Namen hat sie von der Weichsel, die in die Ostsee mündet.

"Wenn man sich vorstellt, dass die Eisschicht gut 3000 Meter hoch war, wird schnell klar, das unsere aktuellen Jahrhunderthochwässer dagegen ein mildes Plätschern sind", erklärt Dieter Rohr. Innerhalb von nur 2000 Jahren waren die Eismassen weggetaut. "Die Welt war damals eine andere", sagt Rohr, "damals hättest du von Hamburg nach England zu Fuß gehen können, als die Eismassen das Land bedeckten. Eis gab es im Überfluss, aber es mangelte an Wasser."

Die gigantischen Schmelzwassermassen flossen aus unserer Region durch eine riesige Furche zwischen Brandenburg und Rathenow in Richtung Elbe. Dabei hat diese Jahrhunderte andauernde Flut die komplette Bodenstruktur unserer Region zerstört beziehungsweise verändert. "Das Wasser floss wie ein breiter Meeresstrom nach Westen in das Elbeurstromtal." So beschreibt Otto Müller aus Stendal das Szenario 1935 in seinem Buch "Altmark und Elbhavelland".

Geschenkt hat uns die Eiszeit den Fiener. "Eine riesige Waschschüssel mit hohen und breiten Rändern", so nennt Walter Sens dieses 9000 Hektar große Areal in seinem Heimatheft "Der Fiener" von 1926. Sens arbeitete als Lehrer in Paplitz, später in Burg. Als der letzte Eisklumpen geschmolzen war, bekamen die Urströme kein Wasser mehr. Nur die Waschschüssel blieb nass - der Fiener war ein riesiger See: 27 Kilometer lang zwischen Parchen und Grüningen.

Die ersten Siedler

5000 Jahre lang änderte sich daran nicht viel. Sens zufolge waren die Wenden die ersten Siedler dieser Region. Fast alle Dörfer tragen wendische Namen. Ziesar ist die "Stadt hinter dem See". Ein Teil Tucheims wird noch heute Kiez genannt - der wendische Name für den Wohnort der Fischer. Ihre Boote waren ausgehöhlte Baumstämme, die Einbäume. An Land verluden sie ihren Fischfang in Korbwagen, die aus Weidenruten geflochten waren. Als Wagenräder nutzten die Wenden durchlöcherte Baumscheiben.

Die Jahre vergingen. Bäche, die in den Fiener flossen, brachten Tag für Tag feinen Sand in den See. Wind und Wasser brachten Samen von Eichen und Buchen, von Algen, Gräsern und Moosen. Aus dem See wurde ein Sumpf. Das sollte sich bis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618 - 1648) nicht mehr ändern. Laut Walter Sens haben gewaltige Buchenwälder den Fiener beschattet. Spuren des heutigen Heimatbaumes, der Kiefer, gibt es keine.

Lebensgefährliches Moor

Es war lebensgefährlich, durch den Fiener zu wandern. Abseits des Weges verlor der Wanderer im Sumpf den Boden unter den Füßen. Je mehr er sich bewegte, desto schneller zog ihn das Moor herab. Zudem fürchteten sich unsere Vorfahren vor den Raubrittern. Nicht selten sprachen die Menschen von "rohen Söldnerscharen". Seinerzeit führte nur eine Straße durch den Fiener, ein Knüppeldamm an der Stelle wo heute die Straße Bücknitz und Rogäsen verbindet. Sens: "Den hatten die alten Wenden schon angelegt."

Friedrich der Große

Dass der Fiener heute eine Wiesen- und Waldlandschaft ist, verdanken wir Friedrich dem Großen, dem alten Fritz. Auf seinen Befehl machte sich Landrat von Werder aus Rogäsen 1774 ans Werk, um den Fiener mit einem Graben-system zu entwässern. 1777 ordnete Friedrich die gesamte Holzung des Fieners an. Eine erste Entwässerung gab es zuvor bereits um 1744. Entstanden ist dabei unter anderem der Tucheimer Bach. Jedoch gibt es einen Flecken, der von der Trockenlegung verschont wurde, dessen morastiger Zustand bis heute erhalten ist: Die Elslaake an der Süßen Ecke zwischen Tucheim und Dretzel. Dieter Rohr: "Ohne Gummistiefel würde ich das Gelände nicht betreten."

Die Torfstecher

Um die neuen Wiesen zu bewirtschaften, siedelte der Alte Fritz Kolonisten an. Ein Tucheimer Ortsteil heißt noch immer die "Kolonie". Darunter waren auch Holländer, daher der Name "Hollandhof" bei Zitz. Vier Familien siedelten sich auf der "Horst" an, sie nannten diesen Flecken zu Ehren Friedrichs "Königsrode". Heute ein beliebtes Ausflugsziel. Dank der Torfgewinnung blühte die Region wirtschaftlich auf. Mit diesem Material konnten die Menschen billiger Heizen als mit der Kohle.

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Sommer gruben die Menschen im Fiener den Torf aus, um ihn zu vermarkten. Laut Dieter Rohr passierte dies etwa 100 Jahre lang nach der Entwässerung bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Es gab zwei Arten. Den harten Stichtorf vom südlichen Fienerrand haben die Menschen mit Torfspaten in Form von Backsteinen geschnitten, getrocknet und verladen.

Anders der Trettorf. Der war weich wie Brei und lag unter der Grasnarbe. Der Torfmacher schüttete die Masse in Holzrahmen ohne Boden. Durch Treten mit den Füßen wurde die Masse fester. Der Torf konnte dann ebenfalls geschnitten, getrocknet und abtransportiert werden. Es gab zwei Transportwege. Einerseits die Torfchaussee zwischen Gladau und der heutigen B1 vor Parchen (diesen Weg gibt es noch heute). Oder der Torfschifffahrtskanal zwischen Fienerode und Altenplathow, im Volksmund auch Mühlgraben genannt. Dieter Rohr: "Abnehmer des Torfs waren die Salinen in Schönebeck und auch die Tuchmacher in Burg."

Fruchtbare Böden

Die letzte Eiszeit hat uns noch eine Besonderheit beschert: Der fruchtbare Boden der Magdeburger Börde gehört ursprünglich wenigstes teilweise zu unserer Region. Otto Müller schreibt in seinem schon erwähnten Buch über "furchtbare Staubstürme", die im Winter über die Steppen brausten. Diese eisigen Nordwestwinde trugen die Vegetation der eisfreien Flächen in Richtung Osten. Müller: "Oft mag der Himmel von den mitgeführten Staubmassen tagelang verdunkelt gewesen sein. Wie eine immer stärker wachsende Decke wurde die Erde über die zerstörte Geschiebeschicht der Börde verteilt." So sieht es auch Heimatkundler Rohr: "Der Bördehumusboden gehört zu uns ins Jerichower Land."