Mit einem unterhaltsamen und doch tiefsinnigen Programm ist am Freitag in der Bildungsstätte Schloss Wendgräben an Kurt Tucholsky erinnert worden. Der Freundeskreis Schloss Wendgräben und der Förderverein Burg Loburg hatten dazu die Berliner Peter Siche und Klaus Schäfer eingeladen.

Wendgräben l "Frohe Gesänge von Theobald Tiger" - so lautete der Untertitel auf dem Programmheftchen, das die Zuschauer an diesem Abend vor sich auf den Tischen fanden. Der Haupttitel des Programmes lautete: "Ideal und Wirklichkeit". In "Wirklichkeit" war Theobald Tiger aber nur eines von mindestens vier Pseudonymen, unter denen der Jurist, Journalist und Satiriker Kurt Tucholsky ab 1913 in der späteren "Weltbühne" veröffentlichte. Auch "froh" durfte man viele der von Peter Siche (Gesang/Rezitation) und Klaus Schäfer (Piano/Rezitation) vorgetragenen Texte eigentlich nur auf den ersten "Ohrenblick" nennen.

Denn wenngleich sich Tucholsky gerne mal seine Gedanken über die Herkunft der Löcher im Käse machte oder forderte "Zieh dich aus, Petronella!", so steckt doch viel traurige Wahrheit in einigen Zeilen, mit denen Tucholsky das alles andere als "ideale" Leben im Deutschland zwischen den beiden großen Kriegen beschreibt.

Um so bezeichnender: "Ich hatte im Verlaufe dieses Abends teils das Gefühl, in das Berlin der 20er Jahre versetzt worden zu sein, dann wieder das Gefühl, im hier und jetzt geblieben zu sein. So aktuell sind Tucholskys Texte auch noch hundert Jahre später", sprach Christa Nowak vom Freundeskreis Wendgräben dem Publikum im Kaminsaal des Noch-Konrad-Adenauer-Schlosses aus der Seele. Und auch der Programmgestalter Peter Siche, selbst treuer Freund des Förderkreises Wendgräben, sagte: "Es hat sich in hundert Jahren nicht viel verändert, oftmals nur die Kostüme."

Hinweis auf die Zeit des Entstehens der Texte

Und so schien es auch angebracht, dass der mit herrlich distanzierter Ironie rezitierende Klaus Schäfer im "Kurzen Abriss der Nationalökonomie" anmerkte, dass der vorgetragene Text nicht aus der Jetztzeit, sondern aus dem Jahre 1931 stammte. Beispiel gefällig? Bitte sehr: "Die Aktiengesellschaften sind für das Wirtschaftsleben unerlässlich: stellen sie doch die Vorzugsaktien und die Aufsichtsratsstellen her. Denn jede Aktiengesellschaft hat einen Aufsichtsrat, der rät, was er eigentlich beaufsichtigen soll. Die Aktiengesellschaft haftet dem Aufsichtsrat für pünktliche Zahlung der Tantiemen. Diejenigen Ausreden, in denen gesagt ist, warum die AG keine Steuern bezahlen kann, werden in einer sogenannten Bilanz zusammengestellt."

In 33 Liedern, Rezitationen und "Schnipseln", wie Tucholsky seine Aphorismen zu nennen pflegte, vermittelten Siche und Schäfer mit überzeugendem Darbietungsvermögen das damalige Lebensgefühl, den ironischen Witz Tucholskys, aber eben auch dessen Sorge um das drohende Aufkommen des Nationalsozialismus`, dem er nichts als die Emigration entgegensetzen konnte.

Gut zwei Stunden unterhielten die beiden Berliner Künstler ihr dankbares Publikum auf diese Weise. Alle Texte stammten von Kurt Tucholsky, die Melodien hatten im Laufe der Jahrzehnte bekannte Komponisten beigesteuert: so etwa Friedrich Hollaender, Hanns Eisler oder Rudolf Nelson.

Und wie der Mann des Wortes Kurt Tucholsky in einer Hommage einst den Berliner Millieu-Zeichner Heinrich Zille würdigte, so könnte man auch den Verfasser dieser Zeilen selbst beschreiben: "Du wahst ein jroßa Meista. Du hast jesacht, wies is."